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Full text of "Zehn Jahre Historisch Politische Blaetter 1838 1848"

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Berichterstatter: 

Geh. Reg.-Rat 

Professor Dr. Friedrich von B e z o 1 d. 






Inhalt: 


1. Die Entstehung der Zeitschrift, äußere Entwicklung und 
Mitarbeiter. 

2. Die staatstheoretischen Anschauungen. Wirtschafts- und 
Sozialpolitisches. 


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Vorwort. 

Von meiner Entwickelungsgeschichte der „Historisch-poli¬ 
tischen Blätter“ im ersten Dezennium ihres Bestehens, die auf 
Anregung des früheren Bonner Privatdozenten, jetzigen Professors 
an der Akademie in Posen, Herrn Dr. Alfred Herrmann, entstand, 
kann zunächst nur ein Teil gedruckt werden Zwar ist sie in 
den Grundzügen vollendet, aber für die beiden hier noch fehlen¬ 
den Kapitel, die das Verhältnis der katholischen Partei zur prak¬ 
tischen Politik, ihren Anteil an der Gestaltung der innerbayrischen 
wie der auswärtigen Angelegenheiten (dieser Arbeit wurde der 
Hohenzollern - Preis von der Bonner Universität zuerkannt) 
und, was noch viel wichtiger ist, die innerkirchlichen und 
kirchenpolitischen Tendenzen des Görreskreises darstellen, scheint 
im Redemptoristenkloster in Mautern und vielleicht auch in 
München noch sehr wertvolles Material zu liegen. Herr P. An¬ 
dreas Hamerle C. S. S. R., Rektor des Mauterner Kollegs, den 
ich durch Vermittlung des Herrn Geh. Hofrat Dr. Richard von 
Kralik (Wien) wegen der dort aufbewahrten Jarcke-Papiere an¬ 
ging, hat mir für ihre Benutzung nach Beendigung des Krieges 
in entgegenkommender Weise weitgehendste Förderung zugesagt. 
Lukas Schwahn, der bei seiner auf Anregung Martin Spahns ent¬ 
standenen Arbeit über „Die Beziehungen der katholischen Rhein¬ 
lande und Belgiens 1830—1840“ (Straßb. Beitr. z. neueren Gesch. 
Bd. XI 1914) zugleich auch Material über „Die Beziehungen des 
katholischen Rheinlandes zum katholischen Frankreich und dem 
übrigen katholischen Deutschland in den Jahren 1830—1840 und 
deren Teilnahme an der rheinländischen ultramontanen Beweg¬ 
ung, vor allen seit dem Cölner Ereignis“ gesammelt hat (vgl. 
Schwahn, a. a. 0. Anhang), um es in einer selbständigen Studie 
zu veröffentlichen, ist leider auf dem Felde der Ehre gefallen. 
Er g' n g naturgemäß von andern Gesichtspunkten aus wie ich, 
da er aber auch die „Histor.-polit. Blätter“ ausgiebig berücksich¬ 
tigte, so enthalten seine Konzepte sicher auch schätzenswerte 
Beiträge zur Aufdeckung der Kirchenpolitik des Münchener Kreises. 
Schließlich läßt auch Franz Binders Nachlaß im Besitze des Herrn 
Pfarrer Hermann Binder in Altingen (Württemberg) noch manchen 
interessanten Aufschluß erwarten, wie die soeben erschienenen 
Publikationen Cardauns’ im 2. Juli-Heft der Hist. pol. Blätter 
(Bd. 158 S. 1 ff.) und im August-Heft des „Hochland“ erwarten 
lassen. Möglich, daß auch die hier vorliegenden Kapitel dadurch 
noch eine wesentliche Bereicherung erfahren. Jedenfalls möchte 
ich auf diese Materialien nicht endgültig verzichten. Da die 
Dissertation nun aber schon länger als ein Jahr genehmigt ist, 
und infolge des Krieges auch keine Möglichkeit vorhanden ist, 
sie einem Ende enigeggn zu h’hren, so muß sie aus praktischen 
Gründen einstweilen als Bruchstück veröffentlicht werden. 

Obercassel, im August 1916. Franz Rhein. 


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Verzeichnis der Quellen und wichtigsten 

Literatur. 

(Vgl. ausserdem die Anmerkungen.) 

Historisch-politische Blätter für das katholische Deutsch¬ 
land. 158 Hände 1838—1916. 

Augsburger Allgemeine Zeitung. 

Berliner Politisches Wochenblatt. 

Deutsche Blätter für Protestanten und Katholiken. 

Historisch-kirchenrechtliche Blätter für Deutschland. 

Der Katholik. 

Zeitschrift für Protestantismus und Kirche. 

Allgemeine Deutsche Biographie. 

Staatslexikon, im Aufträge der Görres-Gesellschaft herausge¬ 
geben von J. Bachem und H. Sacher. 3. und 4. AufI. 1908—1912. 

Wetzer und Weltes Kirchenlexikon 2. Aufl. 1882 — 1901. 

Wurzbachs Biographisches Lexikon für das Kaisertum 
Oesterreich. Wien 18ö7 ff. 

V. Cramer, Bücherkunde zur Geschichte der katholischen 
Bewegung in Deutschland im 19. Jahrh. M. Gladbach, Volks¬ 
verein 1914. 

K. Bachem, J. Bachem und die Entwicklung der katholischen 
Presse in Deutschland. Bd. I. Cöln 1912. 

Bachmann, E. W. Hengstenberg Bd. II. Gütersloh 1879. 

Bergsträßer, Studien zur Vorgeschichte der Zentrumspartei. 
Wahls Beiträge zur Parteigeschichte. Bd. I. Tübingen 1910. 

Ders, Der Görreskreis im bayr. Landtag 1837. Oberbayr. 
Archiv für vaterl. Geschichte Bd 56. 1912 S. 248 ff. 

Clemens Brentanos gesammelte Schriften, herausgeg. von 
Chr. Brentano. Bd. IV. Frankfurt 1852. 

Brühl, Geschichte der katholischen Literatur Deutschlands. 
Leipzig 1854. 

Brunner, Woher? Wohin? 3.Aufl. 5 Bde. Regensburg 1891. 

Clarus (W. Volk), Simeon. Wanderungen und Heimkehr 
eines christlichen Forschers. 3 Bde. Schaffhausen 1862. 

Diel-Kreiten, C. Brentano. Bd. II. Freiburg 1880. 

Dock, Revolution und Restauration über die Souveränität 
Straßburg 1900. 


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Döllinger, Akademische Vorträge Bd. II. München L889. 

Eichendorffs Sämtliche Werke. Krit. Ausg. von Kosch und 
Sauer. Bd. XII u. XIII: Eichendorffs Briefwechsel Regensburg, 
Habbel o. J. 

Eichendorff, Geschichte der poetischen Literatur Deutsch¬ 
lands. Neu herausgeg. von Kosch. Kempten 1906. 

Eilers, Meine Wanderung durchs Leben. 6 Bde. Frankfurt 
1856 ff. 

Franz, Der soziale Katholizismus in Deutschland bis zum 
Tode Kettelers. M.-Gladbach, Volksverein 1914. 

Friedrich, J. v. Döllinger Bd. II. München 1899. 

Galland, Joseph v. Görres. Freiburg 1876. 

Görres Gesammelte Briefe = Ges. Schriften herausgeg. von 
Maria Görres u. Franz Binder Bd. VII—IX München 1858—1874. 

Goyau, L’ Allemagne religieuse, Le Catholicisme Tome II 
Paris 1910. 

Haller, Restauration der Staatswissenschaft 2. Aufl. 6 Bde- 
Winterthur 1820 ff. 

H. Hcine’s Gesammelte Werke, ‘herausgeg. von Karpeles. 
Berlin, Grote 1893 9 Bde. 

Hurter, Friedrich v. Hurter und seine Zeit. Graz 1876 f. 

Hassel, J. M. v. Radowitz Bd. I. Berlin 1905. 

Jarcke, Vermischte Schriften, 3. Bde München 1839. 

Jarcke, Prinzipienfragen Bd. IV der vermischten Schriften, 
Paderborn 1854. 

Kracgelin, Heinrich Leo I. Teil, Leipzig 1908. 

Kreiten S. J., Lebrecht Dreves, Freiburg 1897. 

Lempfrid, Die Anfänge des parteipolitischen Lebens und 
der politischen Presse in Bayern 1825—1831. Straßburger Bei¬ 
träge zur neueren Geschichte. Bd. V. 1913. 

Looser, Entwicklung und System der politischen Anschau¬ 
ungen von Haller. Berner Diss. 1896. 

C. J. Lorinscr, Eine Selbstbiographie. 2 Bde. Regensburg 1864. 

F. Lorinser, Aus meinem Leben. 2 Bde. Regensburg 1892. 

Meinecke, Weltbürgertum und Nationalstaat. 2. Aufl. 
München 1911. 

Derselbe, Radowitz und die deutsche Revolution. Berlin 1913. 

v. Mohl, Geschichte und Literatur der Staatswissenschaft. Bd. 
11. Erlangen 1856. 

Möller, Leben und Briefe von J. Th. Laurent. 3 Bde. 
Trier 1887. 


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(Radowitz), Gespräche aus der Gegenwart über Staat und 
Kirche. Neue Ausgabe. Stuttgart 1847. 

Raemy de Bertigny, Notice sur la vie et les Berits de Ch. 
L. de Haller. Fribourg 1854 (Stadtbibi. Zürich). 

Raich, Briefe von und an Ketteier. Mainz 1879. 

Rosenthal, Convertitenbilder aus dem 19. Jahrhundert. 3. Aufl. 
Regensburg 1889 ff. Suppl. zu Bd. I. Abt. 1 u. 2 1902. 

Sepp, Görres und seine Zeitgenossen. Naumburg 1877. 
Schnütgen, Das Elsaß und die Erneuerung des katholischen 
Lebens in Deutschland. 1814 — 1848. Straßburger Beitr. zur 
neueren Geschichte. Bd. VI. 1913. 

v. Schulte, Geschichte der Quellen und Literatur des kanon. 
Rechts Bd. III. Stuttgart 1880. 

Schwahn, Die Beziehungen der katholischen Rheinlande 
und Belgiens 1830—1840. Straßburger Beiträge zur neueren 
Geschichte. Bd. XI. 1914. 

Stölzle, Ernst von Lasaulx. München 1904. 

Vogel, Beiträge zur Geschichte des Kölner Kirchenstreites. 
Studien zur rhein. Geschichte. Bonn 1913. 

Weber, Charakterbilder. Frankfurt 1853. 

Wackerneil, Beda Weber. Innsbruck 1903. 


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Die Entstehung der Zeitschrift, äußere 
Entwicklung und Mitarbeiter. 

Recht gering an Zahl und unbedeutend waren die Preß- 
organe, die dem Katholizismus in Deutschland zu Gebote standen, 
als er sich in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts 
von den Stürmen der Revolution und von den Nachwehen der 
Aufklärung zu erholen begann und sich allmählich frei machte 
von den Banden, in die ihn die Ideen des Josephinismus und 
Febronianismus geschlagen hatten. Es gab kaum eine Zeitung, 
die echt hatholische Ideen zu verbreiten sich bemühte, und auch 
an Zeitschriften, die in größeren Aufsätzen die politischen, 
kirchenpolitischen und innerkirchlichen Zeitfragen von streng 
katholischem Standpunkt aus besprachen, war ein entschiedener 
Mangel. Blätter mit rein wissenschaftlich-theologischem oder er¬ 
baulichem Inhalt, die in verhältnismäßig großer Zahl bestanden, 
scheiden hier aus. Auch „Der Katholik“, das Organ des Mainzer 
katholischen Kreises, sah darin sein Hauptfeld der Betätigung, 
wie schon sein Untertitel „eine religiöse Zeitschrift zur Belehrung 
und Warnung“ zeigt. Freilich vernachlässigte er die Staats- und 
Kirchenpolitik nicht vollständig. Aber „im allgemeinen befaßt 
er sich nicht mit politischen Angelegenheiten, die nicht im engsten 
Zusammenhang mit der Kirche stehen“. 1 ) So begrüßt er denn 
auch mit Freuden die Gründung einer Zeitschrift, die sich mit 
diesen Dingen besonders beschäftigen will, indem er das Bedürf¬ 
nis nach einem solchen Blatte durchaus anerkennt : 2 ) Der Mainzer 
Katholikenkreis scheint den Historisch-politischen Blättern bei 
ihrem ersten Erscheinen durchaus wohlgesinnt gegenüberge¬ 
standen zu haben. Die beiden Arbeiten, die sich bisher mit dem 
„Katholik“ befaßten, 3 ) geben uns für die hier in Betracht kommende 
Zeit noch keinen genügenden Einblick in seine Tendenz, als daß 
ein eingehender Vergleich mit den Historisch-politischen Blättern 

') Bergsträsser, Studien zur Vorgeschichte der Zentrumspartei. Wahls Beiträge 
z. Parteigcsch. I. Tübingen 1910 S. 122. 

*) Der Katholik Bd 08. 1838. Beil IV. S. XLVI. 

*) Bergsträsser a. a. O. S. 118 ff. sowie Schnütgen, Das Elsaß und die 
Erneuerung des kathol. Lebens in Deutschland. Straßburger Beiträge zur 
neueren Geschichte VI. 1913. S. 29 ff. Vgl. auch den Aufsatz von Vigener 
.Gallikanismusu episkopalistische Strömungen im deutschen Katholizismus . . .* 
Hist. Ztschr. Bd. 111 (1913) S. f>4. r > ff. über die Stellung des .Katholik* zur 
Infallibilität. Die Darstellung der Beurteilung dieser Fragen in den Hist, 
pol. Bl. ist einem spätem Kapitel meiner Arbeit Vorbehalten. 


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möglich wäre. Bergsträßers Arbeit beschränkt sich auf die ersten 
Jahre, — er geht im Allgemeinen bei seinen Untersuchungen 
über das Jahr 1830 nicht hinaus, — Schnütgen dagegen stellt 
vor allem Raeß und einige andere hervorragende Persönlichkeiten 
des elsässischen Katholizismus in den Mittelpunkt seiner 
Betrachtungen, sodaß wir ein Gesamtbild von den Anschauungen, 
wie sie im „Katholik“ vertreten werden nicht erhalten. Dies 
wird auch dadurch noch besonders erschwert, daß Raeß, der 
Spiritus rector der Zeitschrift, keineswegs so doktrinär in seinen An¬ 
schauungen war, wie wir das von der überwiegenden Mehrzahl 
der Anhänger des Münchener katholischen Kreises werden nach- 
weisen können. Seine „politische Weitherzigkeit, die ihn sich 
von den kirchenpolitisch anders gesinnten Katholiken nicht fern 
halten sondern nach Möglichkeit mit ihnen Zusammenarbeiten 
ließ“, 1 ) führte ihn mit Männern wie Erzbischof Graf Spiegel, 
Sailer, Diepenbrock, Möhler, Döllinger zusammen. Diese Namen 
allein schon lassen weitgehende Schlüsse zu auf den kirchlichen 
und politischen Standpunkt zum mindesten eines Teiles der 
Mitarbeiter. Als sicher muß aber trotzdem gelten, daß seit 
Anfang der dreißiger Jahre „exklusiv kirchlicher Geist“ im 
„Katholik“ Platz griff. Leider aber hören wir dort nichts Näheres 
über das Verhältnis zum französischen Katholizismus in den 
dreißiger Jahren, insbesondere über die Stellung zu Lamennais 
vor und nach seiner Verurteilung durch die Kurie. 2 ) Wir erfahren 
nur, daß der Geist der Franzosen, „mitfühlendes Interesse“ fand. 3 ) 
Dieses war aber jedenfalls nicht gering, zeigt sich uns doch Raeß 
selbst durchaus als Franzose von nationaler Gesinnung. Selbst 
vor Landesverrat — im Dienste seiner Kirche — scheute er sich 
nicht. 4 ) Was die rein politischen Fragen angeht, so hat Berg- 
sträßer die konstitutionsfeindliche Gesinnung der Zeitschrift für 
die Zeit vor der Juli-Revolution festgestellt. 5 ) 

Diese kurzen Hinweise mögen genügen, um unserer Zeit¬ 
schrift den gebührenden Platz innerhalb der deutschen katholischen 
Publizistik zu weisen, gelegentlich wohl auch auf Gegensätze 
aufmerksam machen zu können. Zwar kam es keinesweg zu 
offenen Auseinandersetzungen, — die verderblichen Folgen einer 
Polemik innerhalb der eben erst wieder neu aufblühenden Kirche 
standen beiden Parteien wohl klar vor Augen, — vielmehr 
beschränkte man sich darauf, einstweilen sich gegenseitig völlig 
tot zu schweigen. Immerhin wurden die „Historisch-politischen 


') Schnütgen S. 48. 

2 ) Vgl. Schnütgen S. 56 ff. 

3 ) a. a. O. S. 115. 

4 ) a. a. O. S. 126 f. 

Bergsträßer a. a. O. S. 121 f. 


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Blätter“ in Anerkennung ihrer Bedeutung für den politischen 
Katholizismus auch im Mainzer Kreise eifrig gelesen. 1 ) 

Ein wichtiges Glied in der Entwicklung der katholischen politi¬ 
schen Publizistik bilden die Unternehmungen Pfeilschifters. 3 ) 
Aber keine von ihnen war von dauerndem Bestände. Pfeilschifter, 
der mit seiner „doktrinären Einseitigkeit dem starrsten Absolu¬ 
tismus das Wort redete,“ konnte auf die Dauer nicht durchdringen — 
trotz der Unterstützung Metternichs. Der „Staatsmann,“ andern 
auch Haller teil hatte, 3 ) ging 1831 nach neunjährigem Bestände 
ein, und auch seine Fortsetzung, der „Zuschauer am Main“ 
hatte kein günstiges Geschick. Als 1837 der Kölner Kirchen¬ 
streit entbrannte, hatte das Blatt, schon seit einiger Zeit nur mit 
Unterbrechungen erscheinend, nicht mehr die Kraft, eine entschiedene 
Sprache zn führen. 1838 ging es endgültig ein. Ebenso war 
Pfeilschifters „Katholische Kirchenzeitung,“ die für die 
„Histor.-polit. Blätter“ das Vorbild ihrer innerkirchlichen und 
kirchenpolitischen Haltung wurde, schon bald nach dem Cölner 
Ereignis eingegangen. 

Als eine Vorläuferin der „Histor.-polit Blätter“ können wir 
insbesondere auch die Münchener Zeitschrift „Eos“ ansprechen, 
seit 1828 das Organ des katholischen Kreises um Baader, der 
indes bald hinter dem sprachgewaltigen Görres zurücktrat. In 
der „Eos“ wurden „die katholischen Kräfte Bayerns vereinigt 
und die ihnen einmal gestellte großzügige Aufgabe zum ersten 
Mal vor der Oeffentlichkeit nachdrücklich vertreten.“ 4 ) Eine An¬ 
zahl von Mitarbeitern war ihr mit den späteren „Histor.-polit. 
Blättern“ gemeinsam, und in ihren staats- und kirchenpolitischen 
Anschauungen deckten sich beide Blätter fast vollkommen. „Die 
gegen den modernen Liberalismus gerichtete polemische Tendenz 
rückte von Anfang an die Gefahr nahe, daß das Blatt sich auf 
die Erhaltung auch nicht erhaltenswerter Einrichtungen und 
Zustände versteifen werde, ln der Tat ist die „Eos“ in ihrer 
Doktrin sowohl wie in praktischen politischen und wirtschaftlichen 
Fragen dieser Gefahr unterlegen.“ 5 ) Wir werden später zeigen, 
wie wir dieses Urteil, wenn nicht vollständig, so doch in der 
Hauptsache auf unsere Blätter übertragen können. Dagegen 
wurde der konfessionell einseitige oder vielmehr gehässige Ton 
der „Histor.-polit. Blätter“ in der „Eos“ nicht beliebt. Das 

J ) Brück, Lennig. Mainz 1870. S. 48. 

s ) Vgl. Bergsträßer a. a. O. S. 189 ff. sowie Bachem, Die kathol. Presse I. 
S. 200 ff. 

*) Histor, Jlirb. der Görresgesellschaft 1914 S. 595 (Reinhard.) 

*) So Lcnipfrid in seiner Charakteristik der .Eos“: Die Anfänge des partei- 
pollt. Lebens u. der polit. Presse in Bayern 1825—1831. Straßburger Beiträge 
V 1912. S. 81. 

*) a. a. O. S. 80. 


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beweisen auch hier schon die Namen von Mitarbeitern wie 
Sailer und Diepenbrock. 

Auch die Wirksamkeit der „Eos“ war nicht von Dauer. 
Von ihrem allzu doktrinären Standpunkt aus scheint sie sich zu 
sehr in die innerbayerische Politik eingelassen zu haben, wodurch 
ihr von allen Seiten Schwierigkeiten erwuchsen. Gerade diese 
Tatsache haben sich später die „Histor.-polit. Blätter“ zur 
Lehre dienen lassen. Ende 1832 ging die „Eos“ ein. 

So war der Görreskreis ohne publizistisches Organ. 1 ) Und 
doch war gerade in München eine Fülle von hervorragenden 
Kräften vereint, die nach dieser Seite hin Bedeutendes für die 
katholische Sache hätten leisten können. 

Da gab die gewaltsame Wegführung des Cölner Erzbischofs 
Clemens August durch die preußische Regierung 2 ) einen Anstoß 
zu neuer Betätigung. Kein periodisch erscheinendes politisches Organ 
von Ansehen und Bedeutung war vorhanden, in dem die Katholiken 
ihre Sache hätten vertreten können. Auch die „Neue Würzburger 
Zeitung“ können wir als solches nicht gelten lassen. Wegen 
ihres maßlosen Tones genoß sie bei den gebildeten Katholiken 
keineswegs allgemeine Wertschätzung. 3 ) Die Gründung einer 
politischen Zeitschrift lag also für die geistigen Führer des 
Katholizismus in Deutschland nahe, ja sie erwies sich geradezu 
als eine dringende Notwendigkeit, je mehr die Polemik in der 
Cölner Erzbischofsfrage an Heftigkeit zunahm. 

Um die Wesensart der jetzt in München entstehenden 
Blätter auf ihre Wurzeln zurückzuführen, müssen wir uns nun 
kurz einer der bedeutsamsten Folgen des Cölner Kirchenstreites 
zuwenden. Es ist die konfessionelle Scheidung des Konserva¬ 
tismus, wie sie uns besonders klar vor Augen tritt in der inneren 
Entwicklung des Berliner „PolitischenWochenblatte s.“ 4 ) 

Diese Zeitschrift war im Jahre 1831 von einem Kreise streng 
konservativer Männer, Anhängern der Schule Hallers, gegründet 
worden. Karl Ernst Jarcke war ihr erster Redakteur. Unter den 
Mitarbeitern finden wir Männer wie Radowitz, die Brüder Gerlach, 
Heinrich Leo, George Phillips, und auch der Schöpfer der 

') Auch am .Katholik“ hat Görres, früher dessen eifriger Mitarbeiter, in 
dieser Zeit nicht mehr mitgewirkt; ebensowenig erhielt das Mainzer Blatt von 
anderen Mitgliedern seiner Tafelrunde nennenswerte Beiträge. 

^ Vgl. besonders Vogel, Beiträge zur Gesch. des Cölner Kirchenstreites. 
Studien zur rhein. Geschichte Bonn 1913. 

3 ) Vgl. Hist.-pol. Bl. II. 143. Auch das Programm der Hist.-pol. Bl. weist 
deutlich ihre Art der Polemik zurück. Ueber die .Neue Würzb. Ztg.“ siehe : 
Treitschkc, Deutsche Gesch. Bd IV. 3. A. 1890 S. 721 f., ferner Vogel a. a. O. 
S. 62 ff. und Bachem S. 223 ff. 

4 ) Lieber das Berl. Polit. Wochcnbl. siehe Varrentrapp, Hist. Zeitschrift 
Bd. 99. S. 35 ff, Arnold ebd. Bd. 106. S. 325 ff, Hassel, Radowitz passim, 
Meinccke, Weltbürgertum u. Nationalstaat 2. A. S. 233, ebenders., Radowitz 
u. d. deutsche Revolution S. 13 ff. 


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„Restauration“, Karl Ludwig von Haller war, wenn auch nicht 
Mitgründer, so doch seit dem Jahre 1833 innig an dem Blatte 
interessiert. 1 ) Protestanten und Katholiken verfochten hier ein¬ 
mütig das Prinzip de Maistre’s: „Nous ne voulons pas la 
contrer^volution, mais le contraire de la r^volution.'' Mit peinlicher 
Sorgfalt wurde alles fern gehalten, was bei der einen oder der 
anderen Konfession Anstoß erregen konnte. So ging man natur¬ 
gemäß auch nur höchst ungern und mit den größten Bedenken 
an eine Besprechung der Cölner Frage Aber auf die Dauer 
ließ es sich doch nicht umgehen, zu ihr Stellung zu nehmen. 
Nachdem man lange gezögert hatte, erfolgte der entscheidende 
Schritt am 13. Januar 1838. Die Stellungnahme der in den 
höchsten Berliner Beamtenkreisen hauptsächlich verbreiteten 
Zeitschrift konnte nicht zweifelhaft sein. Auf ministerielle Anregung 2 ) 
nahm sie in durchaus maßvollen Worten offen Partei für die 
preußische Regierung: Sie vermochte nicht, „ihre rücksichtsvolle 
Langmut ohne Beeinträchtigung der eigenen Würde noch höher 
zu steigern.* 3 ) Damit kam der längst nur mit Mühe verhüllte 
Gegensatz der Konfessionen offen zum Ausbruch, zumal da die 
katholischen Anhänger der Wochenblattspartei Katholiken der 
strengsten Observanz waren. Das galt ganz besonders von dem 
früheren Redakteur dieser Zeitschrift von C. E. Jarcke, 4 ) der bis 
dahin ihr eifriger Mitarbeiter geblieben war, obwohl er bereits 
seit 1832 als Nachfolger von Friedrich Gentz im Dienste Metter¬ 
nichs publizistisch tätig war. Für ihn waren die Konsequenzen 
auf der Stelle klar. Er ve.röffentlichte in der Augsburger 
Allgemeinen Zeitung 5 ) alsbald folgende „Erklärung: 

Ich finde mich aus Gründen, die zur Mitteilung an das 
größere Publikum nicht geeignet sind und für diejenigen, denen 
ich befreundet oder persönlich bekannt bin, keiner Namhaft¬ 
machung bedürfen, zu der Erklärung bewogen, daß ich nicht 
mehr zu den Mitarbeitern des Berliner Politischen Wochenblattes 
gehöre. 

Wien, 17. I. 1838. Dr. C. E. Jarcke, K. K. Rat im a. o. Dienst 
der Geh. Haus-, Hof und Staatskanzlei.“ 

Eine ähnliche Erklärung ei folgte kurz darauf 3 ) von dem 
intimen Freunde Jarckes, George Phillips. Radowitz seinerseits 
sagte sich nur stillschweigend von dem Blatte los, 7 ) während 
Haller ihm treu blieb, bis es einging. 8 ) 

*) Raemy de Berligny, Notice sur . . . Haller. Fribourg 1854 pg. 33. 

-) Hassel, Radowitz S CO. 

3 j Berliner Politisches Wochenblatt 20. 1. 1838. 

4 ) Näheres über Jarcke siche weiter unten. 

Augsburg. Allg. Zeitung 23. I. 1838, a. o. Beilage. 

c ) a. a. O. 10. II. 1838, Beilage. 

7 ) Hassel, Radowitz S. 60 

Raemy de Beriigny, Notice sur . . . Haller pg. 56. 


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Zwei tüchtige Gelehrte und Publizisten waren durch diesen 
Zwist im konservativen Lager für die ausschließlich katholische 
Presse frei geworden Sie sollten die tatsächlichen Leiter 
der jetzt neu entstehenden Zeitschrift werden. Was Wunder, wenn 
diese in politischer Beziehung in dasselbe Fahrwasser einlenkte, 
in dem bis dahin fast die ganze katholische Presse zu segeln 
gewohnt war, daß sie, wie wir bald sehen werden, den strengsten 
konservativen Grundsätzen huldigte. Dieselbe politische Stimmung 
herrschte ja auch in d e m Kreise katholischer Männer vor, der 
für die Herausgabe einer politischen Zeitschrift am ersten geeignet 
erschien und dem einer der ehemaligen Freunde des Wochen¬ 
blattes, Phillips, bereits seit 1834 angehörte, zu dem auch Jarcke 
schon längst in Beziehungen stand, wir meinen den Münchener 
Görreskreis. Hier waren die größten Leuchten katholischer 
Wissenschaft um ihren berühmten Führer zu einer glänzenden 
Tafelrunde vereint. Nicht zuletzt aber kam München in erster Reihe 
in Betracht, weil damals die katholische Presse Bayerns im 
allgemeinen und den Strömungen der Zeit entsprechend in 
durchaus günstigen Verhältnissen lebte, viel freier jedenfalls als 
in Oesterreich unter dem strengen Regiment Sedlnitzkys, während 
andererseits die protestantischen Länder, insbesondere Preußen, 
für ein katholisches Organ damals überhaupt nicht in Betracht 
kamen. 1 ) 

So begegneten sich die Wünsche des Münchener Kreises 
nach einem neuen politischen Organ mit denen Jarckes in Wien 
wie überhaupt so manches, durch das Cölner Ereignis aus seiner 
trägen Ruhe und Gleichgültigkeit aufgeschreckten deutschen 
Katholiken. Schnell ward der Plan gefaßt und durchgeführt; 
das gewaltsame Vorgehen der preußischen Regierung gegen 
Clemens August von Droste-Vischering wurde der Anlaß zur 
Gründung einer großzügigen politischen Zeitschrift streng 
katholischer Richtung, der ersten ihrer Art in Deutschland. 2 ) 

Am I. April 1838 traten die „Historisch-politischen 
Blätter für das katholische Deutschland“ in 
München ins Leben. Wer ihr eigentlicher geistiger Urheber war, 
ist nicht mit Sicherheit festzustellen, vielleicht haben wir ihn, wie 
Reinhard meint, in Jarcke zu sehen 3 ) Sicherlich haben aber auch 
Josef Görres und George Phillips einen großen Anteil an ihrem 
Zustandekommen gehabt. Das Unternehmen gehörte anfangs 

’) Auf die Presseverhältnisse, werden wir später noch zurückkommen. 

2 ) Die Blätter weisen auch selbst öfters darauf hin, das ihre Entstehung 
durch den Cölner Kirchenstreit veranlaßt wurde, so Bd. III. S. 57, XVII. S. 3. 
XX S. 277. 

3 ) Reinhard, Briefe Jarckcs an Haller: Hist. pol. Bl. Bd. CUV. S. 404. 
Phillips nennt die Blätter „zum großen Teil seine (Jarckes) Schöpfung“ Hist 
pol Bl. Bd. XXXI. S. 06, ebenso Eörstemann, Jarckcs Neffe, Hist. pol. Bl. 
Bd. XCV. S. 733. 


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Phillips und Guido Görres, 1 ) zu denen dann Jarcke trat. 2 ) 

Die Ankündigung 3 ) der Histor. polit. Blätter enthält ein 
ausführliches Programm. Es weist vor allem hin auf die Dürftig¬ 
keit der katholischen Presse im allgemeinen und auf den Mangel 
eines Organs; das seine Ueberzeugung „auf eine seiner würdige 
Weise 4 ) im Gebiete der Geschichte und des Rechts verträte, 
und das als ein geistiger Mittelpunkt alle Gleichgesinnten zur 
Verteidigung der kirchlichen und politischen Ordnung den 
mannigfachen Bekämpfungen und Anfeindungen gegenüber ver¬ 
einigte: ein Bedürfnis, welchem die Tagesblätter nicht entsprechen 
können, da ihre vorzüglichste Aufgabe ist, das Neueste, was der 
Tag bringt, zu berichten, um es dann einer weniger vom Momente 
beherrschten ruhigen Betrachtung zu übergeben“ . . . Die neue 
Zeitschrift „hat zunächst den Zweck, auf dem staatsrecht¬ 
lichen und politischen Gebietedie revolutio¬ 
näre wie die despotische Doktrin der falschen 
S t a a t s w e i s h e i t durch die Verkündigung der 
G r u n d s ä t z e w a h r e r F r e i h e i t u n d des Rechts zu 
bekämpfen, in der Geschichte den immer mehr überhand 
nehmenden Anmaßungen des Sekten- und Parteigeistes ent¬ 
gegen zu wirken und endlich dem katholischen Deutschland 
Materialien, Hülfsmittel und Winke zur Bildung eines selbständi¬ 
gen Urteils über die politischen wie über die literarischen Tages¬ 
ereignisse zu liefern.“ 

Die Behandlung der Geschichte und Politik von streng 
katholischem Standpunkt aus, oder besser: Anwendung dieser 
Disziplinen im Sinne der katholischen Kirche und zur Verteidi¬ 
gung ihrer Rechte, das ist also, kurz gesagt, das Programm, das 
den Gründern der Blätter vorschwebt. Und in der Tat gibt ihr 
Inhalt den Worten von Joseph Görres völlig Recht, der 1846 
sagte: „Der Zweck der Zeitschrift ist schlechthin Verteidigung 
der Kirche; Geschichte und Politik werden nur subsidiarisch her¬ 
angezogen.“ 5 ) 

Was die Gliederung des Stoffes betrifft, so „wird sie: Erstens 
abwechselnd mit einer kurzen Chronik der laufenden Begeben¬ 
heiten von Zeit zu Zeit größere Uebersichten und Zusammen- 


‘) Guido als Beauftragter seines Vaters. 

2 ) v. Schulte, Geschichte der Quellen und Literatur des canon Rechts. Bd. 
III. S. 382. Aehnlich Phillips selbst Hist.-pol. Bl. Bd. XXX. S. 211. Am deut¬ 
lichsten spricht aber sein Brief an den spätctcn Herausgeber Jörg (Hist.-pol. 
Bl. Bd. CXXXIII. S. 63 ff.) vom 9. X. 1859, in welchem er sein Recht, als Mit¬ 
begründer zu gelten, scharf betonte. Der Vermerk, der seit 1913 auf dem 
Titelblatt der Hist.-pol. Blätter steht: „Gegründet von Joseph und Guido Görres“, 
wird also den Tatsachen nicht gerecht. 

3 ) Datiert vom 10. II. 1838. Sie ist dem ersten Heft beigegeben. 

4 ) Deutlicher Hinweis auf die „Neue Würzburger Zeitung“, s. o. S. 11. 
Hist. pol. Bl. Bd. XVIII. S. 574, vgl. XIX. 227. 


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Stellungen der letzteren enthalten. 1 ) Ein zweiter Abschnitt ist 
größeren Aufsätzen politischen, nationalökonomischen und histo¬ 
rischen Inhalts aller Art gewidmet. Auch theologische Gegen¬ 
stände, soweit sie . . . für das größere Publikum Interesse haben, 
sind hiervon nicht ausgeschlossen, drittens werden . . . Beur¬ 
teilungen interessanter Schriften, selbst schönwissenschaftlichen 
Inhalts sowie kürzere literarische und historische Notizen . . . 
darin Platz finden. 

Die Absicht der Herausgeber ist dabei ausschließlich darauf 
gerichtet, in politischer wie in kirchlicher Hinsicht der Wahrheit 
ohne Haß und ohne Furcht zu dienen, zugleich aber auch durch 
den Ton ihrer Mitteilungen und Erörterungen die Ehrfurcht zu 
bekunden, die sie ihrem Gegenstände schuldig ist. 2 ) 

Die Zeitschrift erscheint seit 1. April 1838 monatlich zwei¬ 
mal in Oktav-Format, durchschnittlich vier Bogen stark und 
kostet halbjährlich 6 fl.“ 

Als Herausgeber zeichnen George Phillips und Guido Görres; 
als Mitarbeiter werden genannt: Hofrat Bayer, Prof. Döllinger, 
Baron M. v. Freyberg, Prof. Görres, Möhler, v. Moy, „denen sich, 
wie wir hoffen und vertrauen, viele Andere, fern und nahe, an¬ 
schließen werden.“ 

Diesem Rufe sind denn auch viele Katholiken in allen 
deutschen Gauen gefolgt, um der Sache ihres Glaubens zu dienen, 
und es wird uns nicht wundern, daß auch vom Auslande her 
sich hier Stimmen zum Worte meldeten: Die internationale, welt¬ 
umspannende Idee des Katholizismus und der allgemeine Auf¬ 
schwung des kirchlichen Interesses spiegeln sich in diesen Tat¬ 
sachen getreu wieder. 

Die sämtlichen Aufsätze sind anonym erschienen; 3 ) so ist 
es uns unmöglich, heute noch alle Mitarbeiter festzustellen. Um 
aber zu zeigen, wie ausgebreitet damals der Einfluß des Görres- 
kreises war, wie fast alle führenden katholischen Geister seinen 
Bestrebungen entgegenkamen, wie verschiedenartig gesinnte 
Männer aber auch infolgedessen hier zu Worte kamen, seien die 
Ergebnisse unserer Nachforschungen hier mitgeteilt. 


l ) Die Chroniken oder „leading articles“ .wie sie das Berliner Politische 
Wochenblatt in anerkannter Vortrefflichkeit liefert,“ gab man schnell auf, da 
sie offenbar zu sehrauf das Gebiet der auswärtigen Politik gelenkt und .Raum 
für Besseres entzogen hätten.“ Der Schwerpunkt der Zeitschr. lag bald in den 
.Zeitläuften" Jarckes. Vgl. Hist.-pol. Bl. III. S. 59 ff. 

*) Wir glauben in diesem Satze wieder einen mißbilligenden Hinweis auf 
die maßlose Polemik Zanders in der ,N. Wiirzburg. Ztg.“ zu finden. 

s ) Dieses bei der polemischen Tendenz der Blätter bedauerliche Verfahren 
rief nicht zuletzt die außerordentliche Erbitterung gegen sie und die Münchener 
Schule auf Seiten der Gegner wach. cf. Hist.-pol. Bl. Bd. II. S. 144. 


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Von den beiden Herausgebern hat George Phillips 1 ) 
zweifellos bei weitem die größere Arbeit geleistet. Von briti¬ 
schen Eltern protestantischer Konfession wurde er 1804 in 
Königsberg geboren, studierte unter Savigny und Eichhorn Rechts¬ 
wissenschaft, kam dann in Berlin, wo er sich 1826 habilitierte, 
in nahe Beziehungen zu Jarcke. Beide blieben bis zu des 
letzteren Tode (1852) in enger Freundschaft verbunden. Jarcke, 
selbst Konvertit, führte auch seinen Freund bald der katholischen 
Kirche zu. Beide aber hatten sich damit selbst ihre Laufbahn 
in Preußen verdorben: Das protestantische Berlin Friedrich- 
Wilhelms 111. konnte auf die Dauer nicht der Ort ihres Wirkens 
bleiben. 2 ) So folgte Phillips im Jahre 1833 mit Freuden einem 
Rufe nach München, wo er eine ihm angetragene Stelle als Rat 
im Ministerium bald mit einer Professur, zuerst der Geschichte, dann 
des Rechts vertauschte. Die Ereignisse des Jahres 1847, die sich 
an das Auftreten der schönen Tänzerin Lola Montez knüpfen, 
kostete ihm wie den meisten der Freunde des Görreskreises 
seine Stellung. Auf der Frankfurter Nationalversammlung war 
er tätiges Mitglied der katholischen Fraktion; späterhin nahm er 
seinen Wohnsitz in Oesterreich. 

Phillips gehörte wie sein Freund Jarcke zu den Führern 
des extrem konservativen und streng kurialistisch gesinnten 
Flügels des Görreskreises. Denn daß dort, wie wir oben schon 
bemerkten, verschiedene Strömungen vorhanden waren, werden 
wir im Laufe unserer Darstellung an Hand der Historisch-politi¬ 
schen Blätter zeigen. Aber Jarcke gibt auch selbst zu, daß da¬ 
durch der Bestand der Blätter gar zuweilen gefährdet wurde. 
So schrieb er an Dreves 3 ); „Die Wolken am Horizont der 
Historisch-politischen Blätter bestanden und bestehen; nicht in 
Abnahme der Abonnenten . . . sondern in einem s. v. Schisma 
zwischen den Teilnehmern.“ 

ln München hatte Phillips einen Wirkungskreis gefunden, 
wie er seiner Veranlagung und seinen Wünschen voll entsprach. 4 ) 
Hier schuf er die ersten Bände seines „Kirchenrechts“, in dem 

') Ueber Phillips vgl. den Artikel des Kirchenrechtlers v. Schulte in der 
A. D. B. Dieser, mit Phillips persönlich bekannt, gibt eine interessante Charak¬ 
teristik von ihm in seiner Gesch. d. Quell, u. Lit. d. kanon. Rechts. Bd. III. 
S. 375 ff. Vgl. ferner Hist. pol. Bl. LXXII S. 608 ff. und CXXXIII. S. 59, 
Lenz, Geschichte der Universität Berlin Bd. II. 1. S. 886 ff., Bachems Staats- 
lexikon 3. A. Bd. IV. Sp. 141 ff. (Heiner.) 

“) Die Darlegungen von Lenz a. a. O. zeigen, wie die preußische Regierung, 
besonders auch der König, den Konvertiten ein Weiterkommen unmöglich 
machte. 

3 ) Jarcke an Drcvcs 20. II. 1850 Kreiten, Stimmen aus Maria Laach Bd 38 S. 314. 

4 ) „Es war nicht nur die geistige Atmosphäre, die ihm [in München] wohl 
tat, sondern, wie er an Johannes Schulze schrieb, auch die frische Luft, die 
von den Bergen her kam, hinter denen er seine geistige Heimat sah, sie habe 
seinen Körper gestärkt . . .“ Lenz a. a. O. S. 289. 


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er die Prinzipien des extremsten Kurialismus verfocht. Auch 
seine Beiträge zu den Blättern entstammen zumeist seinem 
eigentlichen Arbeitsgebiet, der Rechtsgeschichte und dem kano¬ 
nischen Recht. 1 ) Zum Politiker taugte er nicht viel, wie er 
selbst gestand: 2 ) „Ich hatte in meiner Tätigkeit auf dem politi¬ 
schen Gebiete selbst nie große Freude und, wenn ich auf Grund 
der Selbsterkenntnis spreche, auch für dieselbe kein Geschick.“ 
Aber wurde seine politische Tätigkeit in den Blättern früher 
auch überschätzt, so ist es doch andererseits unrichtig, wenn 
v. Schulte meint, 3 ) sie seien für ihn nur „eine lukrative Einnahme¬ 
quelle“ gewesen, und daß sie ihm sonst „wenig Last machten “ 
Lagen doch die schwierigen und zeitraubenden geschäftlichen 
und redaktionellen Angelegenheiten hauptsächlich in seiner Hand. 
Dies ergab sich schon mit Notwendigkeit aus der Veranlagung 
seines Kollegen in der Redaktion, Guido Görres. 4 ) 

Der einzige Sohn von Joseph Görres trat mit dieser Auf¬ 
gabe in ein vollständig neues Arbeitsgebiet ein. Bis dahin 
suchte er seine Betätigung in der Poesie sowie in literar- und 
kirchengeschichtlichen Studien. Hätten ihn die Zeitverhältnisse nicht 
dazu genötigt, er wäre wahrscheinlich niemals aus dem stillen Gärt- 
lein seiner Dichtung herausgetreten; 6 ) wohl nur auf Wunsch seines 
Vaters hat er die Redaktionsgeschäfte übernommen 6 .) Aber auch 
als Mitarbeiter der politischen Blätter blieb er doch in der 
Hauptsache bei seinen früheren Interessen. Mag er auch hier 
und da einen Aufsatz zur Tagespolitik geschrieben haben, 7 ) so 
handeln doch die meisten über Literatur, Geschichte, Volkskunde 
und religiöse Dinge. 8 ) In dem oben angeführten Nachrufe heißt 
es über seine schriftstellerische Betätigung 9 ): „Inden 14 Jahrgängen 
der Zeitschrift (Guido starb siebenundvierzigjährig i.J. 1852) finden 
sich sehr zahlreiche Aufsätze Guidos, manche von klassischer 
Vollendung, ... er hatte . . . für die literarische Tätigkeit in der 
periodischen Presse eine übertriebene Gewissenhaftigkeit. 
Schilderungen und Skizzen entwarf er nicht mit der Leichtigkeit 

') Sie sind zum größten Teil wieder abgedruckt in seinen „Vermischten 
Schriften“ 3 Bände München 1856. 

ü ) Hist.-poI. Bl. Bd. CXXXIII. S. 62. 

3 ) v. Schulte a. a. ü. S. 382. 

<) Hist.-poI. Bl. Bd. XXX. S. 129 ff., A. D. B. (Holland), Meyers, Guido 
G., Progr. des Progymnasiums zu Echternach. Luxemburg 1896. 

5 ) Meyers a. a. O. S. 70. 

'*) Siehe auch Sepp, Görres 1877 S. 467. 

7 ) In den letzten Jahren, namentlich nach dem Tode seines Vaters, ver¬ 
öffentlichte er eine Reihe kirchenpolitischer Aufsätze. So Meyers a. a. O 
S. 67 nach einer Mitteilung von Franz Binder, des langjährigen Redakteurs 
der Blätter. Leider hat dieser eine beabsichtigte ausführliche Biographie von 
Guido nicht vollendet. 

8 ) Sie sind z. T. aufgeführt bei Meyers a. a. O. S. 66 ff. 

®) Hist.-pol. BL Bd. XXX. S. 134 (Phillips.) 


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eines französischen politischen Schriftstellers, sondern seine Wahr¬ 
heitsliebe und Wißbegierdezwangen ihn, die ganze, auf einen solchen 
Gegenstaud bezügliche Literatur restlos zu durchgehen . . .“ 
Und weiter heißt es über ihn 1 ): „ . . . oft mußten diese Blätter 
von Gewittern sprechen, die sich am Himmel zusammenzogen, 
nicht selten von Gewittern, die zerstörend niedergefahren, manchmal 
sprachen sie selbst wie ein Gewitter, daß die Brust des Lesers 
tief beklommen wurde, — da kamen einige Zeilen von Guido 
Görres dazwischen, und es war wie ein tröstender Wettersegen, 
wie das Lied der Lerche, die sich aufschwingt und uns sagt, 
daß wir nicht Wetterwolken sondern Frühlingsgewölk vor uns 
haben . . . Sein Weg war der des kindlich-sinnigen Gemütes 
und ich möchte sein ganzes Wesen in den Namen der sinnigen, 
dichterisch bewegten Kindlichkeit zusammenfassen.“ 

Einem romantischen Schwärmer mochte vielleicht Guidos 
Stil „sehr ansprechend“ *) erscheinen, an einen Vergleich mit 
seinem Vater ist aber natürlich gar nicht zu denken. Mit Recht 
nannte ihn der „Telegraph“, ein Organ des jungen Deutschland, 
„eine mattherzige, lithographierte Copie seines Vaters.“ 3 ) Aehnlich 
auch Heinrich Heine in seinem Gedicht „Der Ex-Nachtwächter‘, 4 ) 
wo er mit erstaunlicher Roheit, aber z. T. doch recht treffend die 
Münchener Katholiken karrikiert. — Ein Mann von solcher Veran¬ 
lagung war für die Redaktionsgeschäfte einer politischen Zeitschrift 
mit so ausgesprochen polemischer Tendenz wie die Histor.- 
polit. Blätter durchaus ungeeignet. So ist es kein Wunder, daß 
er seinen Vater wie seinen Kollegen Phillips oft in die größte 
Verlegenheit brachte. Lorinser z. B. schrieb, als er im Jahre 1840 
die Familie Görres kennen lernte 5 ): „Guido Görres . . trieb sich 
damals in Italien herum und ließ den guten Phillips in der 
Redaktion der Histor.-polit. Blätter länger als es sich gebührte 
allein, obgleich seine Schwester Marie ihn zum Teil vertrat und 
die Korrektur des Druckes übernommen, .... endlich hat ein 
sehr energischer Brief des Alten den genialen Guido, der sich 
darauf beschränkte, sehr schöne Artikel über das italienische 
Leben für die Blätter zuweilen einzusenden, nach München 
zurückgerufen.“ Aehnliches erzählt uns ein anderer Freund von 
Görres, Wilhelm Volk, in seinen Memoiren. 6 ) 

Wir sehen: Nicht von den beiden Herausgebern wurde die 


') a. a. O. S. 137 (Haneberg.) 

2 ) So urteilt Annette v. Droste Hülslioff vgl. Cardauns, die Briefe der A. v. 
Droste H. Münster 1909 S. 390. 

*) citiert Hist.-pol. Bl. Bd. II. S. 147. 

4 ) Im Romanzero II: Lamentationen. Heine, Ges. Werke. Berlin, Grote 1893 
Bd. III. S. 341 f. 

5 ) F. Lorinser, Aus meinem Leben. Regensburg 1892 Bd. I. S. 374. 

B ) Clarus, Simeon Bd. I. Schaffhausen 1862 S. 337. 


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Hauptarbeit in der politischen Agitation geleistet, dafür standen 
ihnen aber viele Gelehrte und Publizisten von gutem Rufe zur Seite. 1 ) 

Als ersten haben wir da jenen Mann zu nennen, den der 
damalige Münchener katholische Kreis, ja die Katkoliken von 
ganz Deutschland als ihren Führer und Meister anerkannten und 
verehrten, Josef Görres. 2 ) Nachdem er in jüngeren Jahren 
schon im „Rheinischen Merkur“ sich als glänzenden Publizisten 
gezeigt, dann am „Katholik“ und an der „Eos“ mitgearbeitet 
hatte, fand er in der letzten Epoche seines Lebens in den „Histor.- 
polit. Blättern“ ein Organ, in dem er seine eindrucksvollen 
Gelegenheitsschriften verbreitete. Von der Gründung der Zeit¬ 
schrift bis zu seinem Tode (29. Januar 1848) enthält jeder Band 
mit Ausnahme des VII. mindestens einen und zwar durchschnittlich 
sehr umfangreichen Aufsatz. Sie sind verzeichnet in einem 
Nachruf auf Görres aus der Feder von Phillips, 3 ) der uns zugleich 
bezeugt, in wie engem Verhältnis er zu den Blättern stand: „Ich 
werde Euch nicht verlassen, auf mich könnt Ihr zählen, war die 
Zusicherung, welche Görres uns in jener Zeit gab, als die Zeit¬ 
schrift der Histor.-polit. Blätter zuerst ins Leben trat. Er hat sein 
Wort getreulich erfüllt. Das mitgeteilte Verzeichnis seiner Bei¬ 
träge gewährt einen Ueberblick jener Mannigfaltigkeit von Gegen¬ 
ständen, welche Görres, wie die Zeit sie bot, für die Zeitschrift 
bearbeitete, die ihm ebenso nahe stand wie der „Rheinische 
Merkur.“ Daher er auch in dem jüngst verflossenen Jahre bei der 
traurigen Wendung, welche die Ereignisse in Bayern nahmen, 
mit ruhiger Fassung dem feindlichen Hohngelächter über die 
Haltung dieser Blätter und ihrer Mitarbeiter die Worte entgegen¬ 
setzte: 4 ) »Alle haben an dem Vorgefallenen eine neue Bestätigung 
ihrer Mission und eine Verlängerung derselben auf unbestimmte 
Zeit gesehen und werden unerschrocken das ihnen anvertraute 
Panier noch höher tragen. Doch nicht allein durch Aufsätze 
habe er die Blätter unterstützt, sondern vor allem sein hochgefeier¬ 
ter Name habe ihnen von vornherein das Zutrauen des katholischen 
Deutschland gesichert. Mit Rat und Tat habe er ihnen stets hülf- 
reichzur Seite gestanden. Zeitweise hat er sogar, wie er uns in seinen 
Briefen erzählt, die Redaktionsgeschäfte allein in Händen gehabt. 5 ) 


') Wiewohl wir vielleicht berechtigt sind, alle die vielen katholischen 
Gelehrten und Staatsmänner, Dichter und Künstler, die zu jener Zeit in München 
entweder ihren Wohnsitz hatten, oder sich zuweilen in dem gastfreien Hause 
der Familie Görres einfanden, soweit sie sich überhaupt literarisch betätigten, 
zu den Mitarbeitern unserer Zeitschrift zu zählen, so beschränken wir uns 
doch darauf, nur diejenigen hier aufzuzählen, deren Mitarbeit sicher feststeht. 

B ) Die Görres • Literatur ist fast vollzählig aufgeführt bei Cramer, Bücher¬ 
kunde S. 143 ff. 

3) Histor.-polit. Bl. Bd. XXI. S. 310. 

9 a. a. O. Bd. XIX S. 778 ff. 

5 ) Görres an Giovanelli3. II. 1840 Briefe Bd. III. S. 539,10. IX.1884a. a.O. S. 616. 


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So müssen wir zweifellos Josef Görres einen großen Anteil an 
dem glänzenden Erfolge zuweisen, der den Histor.-polit. Blättern 
beschieden war. 

Den gefeiertsten Namen unter den Mitarbeitern neben 
Josef Görres trug Karl Ludwig von Haller. 1 2 ) Auch er 
gewann teils direkt, mehr aber noch indirekt den tiefgreifendsten 
Einfluß auf die Blätter. Ja, wir werden später zeigen, daß wir 
sie geradezu als ein Organ der Lehren Hallers und seiner 
Schule zu betrachten haben. Er war zwar nicht an der Gründung 
beteiligt, sondern wurde erst später durch Hurter eingeführt 8 ) 
Daneben blieb er auch Mitarbeiter des Berliner „Politischen 
Wochenblattes.“ Dessen preußenfreundliche Kritik der Cölner 
Angelegenheit veranlaßte ihn nicht wie den tüchtigsten seiner 
Schüler, Jarcke, mit dem Organ seiner Doktrin zu brechen. Auch 
seine Mitarbeit an der im Jahre 1848 gegründeten Kreuzzeitung, 3 ) 
ja schließlich seine ganze Staatstheorie zeigt, daß er, wenn auch 
wie jener Konvertit, sich doch viel weniger durch religiöse 
Skrupel und konfessionelle Einseitigkeit in der Durchführung 
seines Systems beeinflussen ließ, was ihn freilich an gelegentlichen 
scharfen Ausfällen gegen den Protestantismus nicht hinderte. 

An schriftstellerischer Begabung und der Fähigkeit, die 
ständisch-feudalen Ideen den breiten Massen zu vermitteln, wurde 
aber der Schöpfer der „Restauration“ von Karl Ernst Jarck e 4 * * ) 
entschieden übertroffen. 

Wie Phillips so war auch er preußischer, protestantischer 
Herkunft. Im Jahre 1801 zu Danzig geboren, widmete 
er sich dem Studium der Rechte, dozierte zuerst an der 
Bonner Universität, wo er alsbald seine großen Talente auf dem 
Gebiete der Kriminalistik erwies und siedelte dann, nachdem er 
bereits 1825 in Köln zur katholischen Kirche übergetreten war, 
an die Berliner Hochschule über, wo er eine a. o. Professur 
erhielt. Radowitz entdeckte hier seine politisch-publizistische 
Befähigung, die er, wie bekannt, zuerst im Berliner „Politischen 
Wochenblatt“ betätigte. Aber schon 1832 ging er als Nachfolger 

1 ) Eine Biographie Hallers bereitet E. Reinhard vor. Vgl. dessen Aufsatz in 
Histor. Jhrb. d Görres-Ges. 1914. S. 591 ff. Hier auch die karge Literatur 
über Haller. Mittlerweile erschienen: C. L. v. Haller. Ein Lebensbild aus 
der Zeit der Restauration Auf Grund der Quellen dargestellt. Vereinsschrift 
der Görrcsgescilschaft. Köln 1915. 

2 ) H. v. Hurter, Friedrich Hurter Graz 1876 Bd. I. S. 121. Aus dem von 
Reinhard veröffentlichten Briefwechsel Hallers mit Jarcke (Histor.-polit. Bl. 
Bd. 154. S. 412) scheint allerdings hervorzugehen, daß Haller durch Jarcke 
mit Phillips bekannt wurde und zwar spätestens 1840 (vgl. Hist. Jhrb. der 
Görres-Ges. 1914. S. 598 Reinhard.) 

s ) Raemy de Bertigny S. 57. 

4 ) Die Literatur über Jarcke s. bei Cramer S. 147, dazu A. D. B. (Eisen¬ 

hart), Histor.-polit. Bl. Bd. 154. S. 402 Briefe Jarckcs an Haller herausgeg von 

Reinhard, Lenz, Geschichte der Universität Berlin Bd. II. 1. S. 386 ff. 


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2i 


von Friedrich von Gentz nach Wien. Neben seiner Beschäftigung 
in der Hof- und Staatskanzlei fand er noch reichlich Zeit, nicht 
nur offiziösen Blättern der Wiener Regierung wie dem „Oester- 
reichischen Beobachter“ und der Augsburger „Allgemeinen 
Zeitung“, sondern auch den Histor.-polit. Blättern außerordentlich 
reichhaltige Beiträge zu liefernSie sind meist „Zeitläufte“ 
oder „Glossen zur Tagesgeschichte“ betitelt. 2 ) Außerdem Heß 
sich, hauptsächlich durch Vergleich mit Jarckes vermischten 
Schriften, bei vielen anderen Artikeln seine Autorschaft nach- 
weisen. Einige, die seine religiösen und politischen Anschauungen 
besonders gut beleuchten, seien hier aufgezählt: 

„Ueber das gegenwärtige Verhältnis der katholischen Kirche 
zu den von ihr getrennten Confessionen.“ 3 ) 

„Sittliche Freiheit, Gewissensfreiheit, politische Freiheit.“ 4 ) 
„Protestantische Zustände und Anschauungen.“ 5 ) 
„Naturlehre des Staates.“ 6 ) 

Die Artikelserie „Zeitfragen“. 7 ) 

„Irland und der Repeal.“ 8 ) 

„Blicke auf den gegenwärtigen Zustand der staatswissen¬ 
schaftlichen Theorie. Bautain. Champigny.“ 9 ) 

Die Artikelserie „Glossen zur Zeitgeschichte“. 10 ) 

Was Jarckes schriftstellerische Leistungen betrifft, so ist er 
fraglos einer der gewandtesten und einflußreichsten katholischen 
Publizisten seiner Zeit, ja es ist nicht daran zu zweifeln, daß er 
mit seiner klaren, abgerundeten Schreibweise und der scharfen 
logischen Konsequenz, die fast alle seine Schriften auszeichnet, 
auf die breite Masse einen weit größeren Einfluß ausgeübt hat 
als Görres mit seiner langatmigen und, zwar geistreicheren, aber 
nicht selten mystisch-verschwommenen Darstellung, die dazu 
noch vielfach mit antiken, mythologischen Anspielungen verbrämt ist 

‘) Im I. Registerband der Histor.-polit. Blätter (1859) wird J. „einer der 
tätigsten Mitarbeiter" genannt. 

*) Rosenthal, Convcrtitenbilder Bd. I. 1. 3. A. S. 450. 

*) Hist.-pol Bl. Bd. I S 31 vgl. Hist.-pol. Bl. Bd. XXXI. S. 289. 

4 ) Hist.-pol. Bl. Bd. I. S. 305 ff. vgl. bes. S. 319 mit Verm. Schriften Bd. I. S. 189. 

5 ) Hist.-pol. Bl. Bd. III. S. 204 ff. vgl. Verm. Sehr. Bd. IV. S. 371. 

c ) Hist.-pol. Bl. Bd. IV. S. 605 vgl. den gleichnamigen Artikel Verm. Sehr. 
Bd III. S. 20 ff., bes. die Ausführungen S. 29 ff., S. 53 ff. Dieser Artikel der 
Hist.-pol. Bl., eine weitere Ausführung dessen, was er schon 1834—36 im 
Berl. Polit. Wochenbl. veröffentlichte und dann in seinen Verm. Schriften wieder 
abdrucken ließ, zeigt, — und auch viele andere Artikel beweisen es —,daß Jarcke 
vieles, was er einst für das Berl. Polit. Wochenbl. geschrieben hatte, teils 
ohne, teils mit nur geringen Aenderungen für die Hist.-pol. Bl. wieder ver¬ 
wandte. Bei einer genaueren Betrachtung erfährt also seine immerhin noch 
reiche Produktivität doch eine gewisse Einschränkung. 

7 ) Hist.-pol. Bl. Bd. XI. vgl. Verm. Sehr. Bd. IV. S. 414. 

«) Hist.-pol. Bl. Bd. XII. S. 129. vgl. Hist.-pol. Bl. Bd. XII. S. 592 Note. 

'*) Hist.- pol. Bl. Bd. XII. S. 033, XIII 467, vgl. Verm. Sehr. Bd. IV. 287, 310. 

10 ) Hist.-pol. BI. Bd. XIX ff., vgl. Verm. Sehr. Bd. IV. S. 429. 


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22 


und so dem Nichtgebildeten ungenießbar oder direkt unverständ¬ 
lich ist. 1 ) Freilich muß auch gesagt werden, daß die vollendete 
Form, die wir an den Schriften Jarckes schätzen, uns nicht hin¬ 
wegtäuschen kann über ihre großen materiellen Mängel: die kon¬ 
fessionelle Hetze, die in fast jedem Artikel, und zwar oft ganz 
unvermittelt, in der schroffsten Form hervortritt und den immer 
und immer wieder uns begegnenden gänzlichen Mangel an ge¬ 
schichtswissenschaftlicher Bildung sowie das völlige Fehlen des 
Triebes zu sachlicher Forschung. 8 ) Denn Jarcke schrieb auch 
mit Vorliebe historische Aufsätze. 3 ) Aber der parteipolitische 
Zweck war in ihnen neben dem konfessionell agitatorischen 
immer vorwiegend, wenn nicht allein herrschend. 

Jarcke war ja, wie wir schon bemerkten, einer der Führer 
der extremsten Richtung im Görreskreise und zwar in religiöser 
wie in politischer Beziehung. Als getreuer Anhänger Hallers 
war er unbedingter Befürworter des mittelalterlich-ständisch¬ 
feudalen Staates, ein entschiedener Gegner des modernen Kon- 
stitutionalismus. Dazu beseelte ihn, den Konvertiten, eine glühende 
Liebe zur „alleinseligmachenden Mutter, der katholischen Kirche,“ 
die sich mit fortschreitender Erkenntnis und Durchdringung ihrer 
Lehren noch steigerte, sodaß er seit und zum guten Teil auch 
infolge des Cölner Ereignisses die anderen Religionen und 
Konfessionen, vor allem aber den Protestantismus, mit wahrem 
Fanatismus bekämpfte. Das Geständnis, welches er auf dem 
Sterbebette seinem Beichtvater ablegte, kann uns als getreues 
Spiegelbild seiner innersten Ueberzeugung gelten: „Sagen Sie 
jedem der es hören will,“ so erklärte er, „daß ich mein höchstes 
Glück in der römischen Kirche gefunden habe, und daß mein 
Zorn entbrannt ist, wenn man ihr etwas anhaben wollte. Aber 
nie habe ich gegen meine Ueberzeugung gesprochen oder ge¬ 
schrieben. Es mag wohl sein, daß ich die Personen oft nicht 

') Vgl. Heinrich Heines Urteil über Görres (Rom. Schule. Ges. W. Grote, 
Berlin Bd. V. S. 232): »In dem Vortrage des Mannes herrschte wie in seinen 
Büchern, die größte Konfusion, die größte Begriffs- und Sprachverwirrung und 
nicht ohne Grund hat man ihn mit dem babylonischen Turm verglichen. Er 
gleicht wirklich einem Ungeheuern Turm, worin hunderttausend Gedanken sich 
abarbeiten und sich besprechen und zurufen und zanken, ohne daß der eine 
den andern versteht.* Aehnlich aber urteilt auch Görres’ Freund Brentano: 
»Die »Eos* will nicht vorwärts und man kann nicht helfen, weil sie wie eine 
Gesellschaft spricht, die man nicht versteht und die einen nicht interessiert. 
Das Görressische Bedlam versteht hier kein Mensch ... es ist ein schreck¬ 
licher Mangel an Popularität drinn* Brentano an Diepenbrock 20. I. 1829: H. 
Cardauns, Hist.-pol. Bi. Bd. 158 (1910) S. 11 f. 

2 ) Das letztere Urteil fällt auch Martin Spahn, Staatslexikon a. a. O. Sp. 1329. 

3 ) Z. B. »Studien u. Skizzen zur polit. Seite der Glaubensspaltung.“ Hist.- 
pol. Bl. Bd. IV. ff. Separat: Schaffhausen 1844, ferner »Der hl. Stuhl gegen 
G. Galilei und das astronomische System des Copcrnicus“ Hist.-pol. Bl. Bd. VII. 
Vgl. Giovanclli an Görres 16. III. 1841. Görres Briefe Bd III. S. 572. 

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23 


genug von der Sache unterschieden habe und jene, die die 
Kirche angetastet, etwas zu scharf und eckig beurteilt habe. Es 
tut mir das von ganzem Herzen leid.“ 1 ) In der Tat, der scharfe, 
bittere Ton, den er gerade gegenüber Protestanten und Prote¬ 
stantismus beliebte, stieß auch solche Männer ab, die ihm sonst 
wohlgesinnt waren und mit seinen politischen Bestrebungen 
harmonierten, so z. B. J. F. Böhmer, der mit Jarcke einst in 
München scharf zusammentraf, allerdings ohne ihn, wie er sich 
ausdrückte „innerlich für so maliciös zu halten wie er schreibt 
und manchmal auch spricht.“ 2 ) Wie aber Jarcke über den 
Protestantismus dachte und schrieb, möge hier vorläufig ein 
Brief an Döllinger zeigen. Wir werden noch Gelegenheit haben, 
näher auf diese Dinge zurückzukommen. Am 19. I. 1842 
schrieb Jarcke: „Der Protestantismus geht einer kuriosen Krise 
entgegen; wir müssen nach unseren besten Kräften der Zeit in 
ihren Geburtswehen helfen.“ 3 ) Und zugleich mit seinem früheren 
Glauben bekämpfte er, — ebenfalls seit den Tagen des Cölner 
Kirchenstreites, — sein altes Vaterland. Er, der einst Pfeilschifter 
gewarnt, seinen „Staatsmann“ in antipreußisches Fahrwasser 
gleiten zu lassen und ihm zugerufen hatte: „Schonen Sie Preu¬ 
ßen I,“ 4 ) ebenderselbe sah nun eine seiner Aufgaben darin, den 
Antagonismus des katholischen Volkes gegen die preußische 
Regierung zu fördern. 5 ) Welchen Erfolg er dabei hatte, sagt er 
uns selbst: 6 ) „Jemand, der es gut weiß, sägte mir, ich sei dort 
(in Berlin) die eigentliche bete noire und vielleicht verhaßter als 
sonst irgend jemand unter den Jetztlebenden . . . Uebrigens 
kenne ich jetzt auch den Grund dieses Zornes sehr genau: Die 
Historisch-politischen Blätter sind, ich sage es mit Stolz und 
Freude, in diesem Augenblick einer der wichtigsten Dämme 
gegen die preußischen, pietistischen Invasionspläne“ 7 ) 

') Roscnthal, Konvertitenbilder Bd. 1. 1. 3. A. S. 454. 

2 ) Böhmer an Pertz 21. III. 1845. Janssen, Joh. Friedr. Böhmer Bd. II. S. 40Ö. 

3 ) Friedrich, Döllinger Bd. II. S. 135. 

4 ) Jarcke an Pfeilschifter 5. V. 1830 Hist. pol. Bl. Bd. CLII. S. 608 Doeberl. 

5 ) Doeberl a. a O. verkennt die Wandlung Jarckes seit dem Jahre 1837 
bei seinen Schlußfolgerungen. 

®) Friedrich a. a. O. 

7 ) Auch Varnhagens Urteil über Jarcke mag hier Platz finden. Wir werden 
natürlich nicht erwarten, daß er ihm gerecht zu werden bestrebt ist, immerhin 
können wohl seine Worte als ein typisches Urteil der Berliner Gesellschaft 
über Jarcke gelten. Als er die Nachricht von dessen Tod erfuhr, schrieb er 
in sein Tagebuch : „Hofrat J. in Wien gestorben, 52 Jahre alt. Das war ein böser 
M'ensch, der hier zu seiner Zeit viel geschadet! In Wien war er unschädlich, 
Metternich konnte ihn nicht gebrauchen, in der Untätigkeit wurde er ein 
Schlemmer und Dickwanst wie Friedr. Schlegel, dessen höherer Geist zuletzt 
aber sich doch wieder aus dem Wüste herausriß . . . wiewohl doch sein plötz¬ 
licher Tod wie Jarckes langes Leiden von Unmäßigkeit kam" Varnhagen 
v. Ense Tagebücher Bd. S. Hamburg 1868 S. 446. Inwieweit die aus wahn¬ 
sinnigem Haß geborenen persönlichen Invektiven Berechtigung haben, können 


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Wie Jarcke sich hier selbst für die Protestanten-und preußen- 
feindliche Tendenz der Blätter verantwortlich macht, so berichtet 
uns auch Friedrich, 1 ) daß unter seinem und seines Freundes Phillips 
Einfluß sich in dieser Beziehung die Stellungnahme des Görreskreises 
überhaupt verschärft habe. Dein katholischen Oesterreich hin¬ 
gegen stand Jarcke naturgemäß wohlgesinnt gegenüber, zumal 
da er in Diensten seiner Regierung war. Wenn es uns aber 
bei der Lektüre der Historisch-politischen Blätter, insbesondere 
bei der Beurteilung des polnischen Aufstandes von 1846 so 
scheinen will, als ob er im Aufträge Metternichs die 
Blätter der österreichischen Politik habe dienstbar machen wollen, 
so ist ihm diese Verehrung für sein zweites Vaterland doch sicher 
Herzenssache gewesen, verleugnete er doch schon in Berlin 
keineswegs seine österreichischen Sympathien. 2 ) 

Jarcke bildete in Wien ebenso wie Görres in München ein 
Zentrum, um das sich viele angesehene Katholiken, vor allem 
aber katholisierende Protestanten scharten, welch letztere in 
großer Zahl unter seinem Einfluß konvertierten. Mit ihrer Unter¬ 
stützung gedachte er in Wien ein eigenes katholisches Organ 
zu schaffen, wobei er von München aus unterstützt wurde. In¬ 
folge der Schwierigkeiten, welche die Zensurbehörde machte, 
kam der Plan aber nicht zur Ausführung. 3 ) 

Von den Freunden, die Jarcke für die Hist-polit. Blätter ge¬ 
wann, sei an erster Stelle der Dichter Joseph v. Eichendorff 
genannt. Beide standen, wie Eichendorffs Briefwechsel 4 ) zeigt, 
in regem persönlichem und brieflichem Verkehr miteinander. Zu¬ 
erst schrieb Eichendorff drei Aufsätze „Zur Geschichte der neueren 
romantischen Poesie“ im Jahre 1846 für die Blätter, die ebenso 
wie auch seine weiteren Beiträge, die alle literarhistorischen In- 

wir hier nicht beurteilen. J. hat jedenfalls mit Metternich bis zu dessen Sturz 
zusammengearbeitet. Er starb an .Herzbeutelwasscrsucht.“ [Eichendorff-Briefe 
in Eichendorffs Ges. Werken Bd. XII. S. 142.] 

Auch Heinrich Heine gehört natürlich zu seinen erbitterten Gegnern. Er 
glaubt nicht, daß es ihm überzeugungsvollcr Ernst sei mit den Ideen seiner 
politischen Propaganda — wie weit der Vorwurf berechtigt ist, mag dahin ge¬ 
stellt bleiben.— Jarcke .der nicht gelehrt ist,“ gehört ihm zu den .verdäch¬ 
tigen Schriftstellern," er stellt ihn in Parallele zu verächtlichen Gelehrten wie 
Salmasius, der für einen Judaslohn von 100 Jakobstalern seine defensio regia 
zur Verteidigung des englischen Königs schrieb. [Französ. Zustände (1832) 
Heines Ges. Werke Berlin, Grote Bd. VI. S 103 ] Freilich muß er in seiner 
Biographie Börnes (1839) zugestehen, daß Jarcke sich .unter dessen Gegnern 
durch zwei Eigenschaften, nämlich Geist und Anstand, einigermaßen aus¬ 
zeichnet“ a. a. O. Bd. VII. S. 345. 

') Friedrich, Döllinger Bd. 11. S. 7. 

2 ) Lenz, Gesch. d Univ. Berlin Bd. II. 1. S. 387. 

3 ) Friedrich, Döllinger Bd. II. S. 53. Auch einen späteren Plan, nach der 
Revolution, konnte er nicht verwirklichen. Rosenthal, Konvertitenbilder Bd. I. 
1. S. 453. 

4 ) Eichendorffs Sämtl. Werke herausgeg. von Kosch und Sauer Bd. XII u. XIII. 


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halts waren, in jenen Kreisen ,,wahrhaft furore machten." 1 ) So 
wurde er — »gegen brillantes Honorar“ — als ständiger Mit¬ 
arbeiter angenommen. 

Jarcke war es auch, der die persönliche Bekanntschaft 
Eichendorffs mit seinem Schüler und Verehrer auf dem Gebiete 
der Poesie, mit Lebrecht Dreves 1 ) vermittelte. 3 ) (Anfangs 
1848.) Dieser war Hamburger von Geburt und in seiner Vater¬ 
stadt als Advokat tätig. Daneben betätigte er sich dichterisch 
im Sinne der Eichendorffschen Muse. Da er im Protestantismus 
keine Befriedigung seiner religiösen Bedürfnisse glaubte finden 
zu können, so machte er sich im Jahre 1845 auf den Weg, „um 
die wahre Religion zu suchen.“ In Wien wurde er mit Jarcke 
und Friedrich Hurter bekannt, unter deren Einfluß er ein Jahr 
später konvertierte. Auch zum Münchener Görreskreise trat er 
in Beziehungen. Jarcke ermunterte ihn, sich an den Hist.-polit. 
Blättern zu beteiligen, einer Aufforderung, der er auch bald durch 
Beiträge rechts- und kirchengeschichtlichen Inhalts nachkam. 

Weiterhin war Jarcke eng befreundet mit dem Hofrat 
Joseph Fick, Lehrer der Geschichte bei den Kindern des 
Erzherzogs Franz Carl, also auch Lehrer des Kaisers Franz Joseph 
von Oesterreich, „eine wahrhaft reine, fast kindlich auftretende 
Persönlichkeit.“ 4 ) Kraegelin 5 ) schreibt ihm die Artikelserie „Send¬ 
schreiben an Heinrich Leo“ im II., III. und IV. Bande der 
Blätter zu. 

Zum Kreise derer um Jarcke gehörte auch, wie wir schon 
erwähnten, der frühere Antistes der Schaffhauser protestantischen 
Gemeinde Friedrich Hurte r. 6 ; Schon lange hatte er mit 
Görres und Jarcke in vertrautem Verkehr gestanden und auch an 
den Histor.-polit. Blättern mitgearbeitet, als er im Jahre 1844 zur 
katholischen Kirche übertrat. Seine Beiträge, die er seit Gründung 
der Zeitschrift in großer Zahl lieferte, 7 ) betreffen vor allem die 
kirchenfeindlichen Bestrebungen in der Schweiz, in Baden und 
Württemberg. Er wußte zwar gleichfalls in der Polemik, be¬ 
sonders wenn es sich um kirchliche, konfessionelle Dinge handelte, 
einen sehr scharfen Ton zu finden, 8 ) aber er zeigte auch, im 

!) a. a. O. Bd. XII. S. 85, vgl. Bd. XIII. S. 166. Jos E. an seinen Bruder 
Hermann 9. II. 1847. — Seine Beiträge verzeichnet Kosch in der Vorrede zur 
neuen Ausg. von Eichendorffs Gesch. der poet. Lit. Deutschlands. Kempten 1906. 

*) Kreiten, L Dreves. Freiburg 1897, Rosenthal, Konvcrtitenbilder Bd. I. 2. 
S. 364. 

3 ) Eichendorffs Sämtl. Werke Bd. XII. S. 87 f. 

4 ) a. ä. O. S. 303. 

s ) Kraegelin, H. Leo Leipzig 1908. S. 157. 

6 ) H. v. Hurter, Friedrich v. Hurter und seine Zeit. 2 Bde. Graz 1876 f. 
Daneben seine Autobiographie „Geburt und Wiedergeburt." 3 Bde. Schaff¬ 
hausen 1845. 

7 ) H. v. Hurter Bd. I. S. 117. 

8 ) Vgl. das Urteil Oettls a. a. O. S. 159. 


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Gegensatz zu Jarcke, für die Geschichtsforschung großes Talent,— 
es sei hier nur auf sein Werk über Papst Innocenz III. hinge¬ 
wiesen, — sodaß er im Jahre 1846 als Hofhistoriograph nach Wien 
berufen wurde, wo er mit Jarcke gemeinsam für die katholische 
Sache weiter wirkte. 

Einige Nachrichen über den Freundeskreis Jarckes in Wien 
gibt uns Sebastian Brunner in seinen Memoiren. 1 ) Dieser 
war dort als Seelsorger, vor allem aber als Publizist eifrig tätig 
und hat großen Anteil an der Beseitigung des Josephinismus in 
Oesterreich genommen. Ob er schon in den vierziger Jahren 
für die Histor.-polit. Blätter schrieb, konnten wir nicht mit Be¬ 
stimmtheit feststellen, für die spätere Zeit bezeugt er es uns 
selbst. 2 ) 

Gelehrte, Staatsmänner und Künstler kamen in großerZahl bei 
Jarcke zusammen. Außer den schon genannten sei hier noch erwähnt 
Fürst Felix Ludwig von Schwarzenberg „der 
Landsknecht“ 3 ), der, wie auch die übrigen hier Genannten, mit 
Jarckes politischen Ansichten übereinstimmte, ferner Adalbert 
Stifter, die Maler Führich und Kuppelwieser u. v. a. 
Ueber ihr Verhältnis zu der Münchener Zeitschrift ist leider 
nichts bekannt. 

Zwei Theologen von anerkanntem Rufe nennt die An¬ 
kündigung der Blätter als Mitarbeiter: Ignaz Döllinger und 
Adam Möhler. Der Erstere 4 ) hat als Kirchenhistoriker von 
Fach in der Hauptsache historische Aufsätze geliefert. In den 
ersten Bänden bringt er „Historische Berichtigungen“, in denen 
er tendenziöser Geschichtsklitterung entgegentreten will. 5 ) Mit 
dem vierten Bande hört diese Artikelserie schon auf, es folgen 
dann noch einige Beiträge im achten und neunten Bande. Die 
karge Beteiligung Döllingers an den Blättern mag einerseits 
Zusammenhängen mit der Gründung des „Archivs für katholische 
Literatur“ durch ihn im Y ere * n mit anderen Professoren von der 
theologischen Fakultät, mit Höfler, Permaneder,Windischmannu. a. 6 ) 
im Jahre 1842. Ein Jahr später ging aber diese Zeitschrift, die 
übrigens Döllinger auch nicht allzu viel zu verdanken hat, schon 
ein; andererseits halten wir es auch für wahrscheinlich, daß er 
schon seit der Mitte der vierziger Jahre vor dem strengen Geist 


') Scb. Brunner, Woher? Wohin? 5 Bde. 3. A. Regensburg 1891. Vgl. auch 
den Artikel in der A. D. B. von Lauchert. 

2 ) Brunner, Denkpfennige zur Erinnerung an Personen, Zustände u. Erleb¬ 
nisse vor, in u. nach dem . . . Jahre 1848. Würzburg 1886. S. 41. 

=') Vgl. Wurzbach Bd. 33. S. 58. Hist.-pol. Blätter Bd. XX S. 1. 

4 ) Vgl. Friedrich, J. v. Döllinger, 3 Bdc„ auch Döllingers Briefe an eine 
junge Freundin, herausgeg. von H. Schrörs Kempten 1914 

••) Friedrich a. a. O. II. S. 132. 

*) Friedrich Bd. II und Schcgg, Daniel Haneberg S- LXXI f. Auch an der 
.Neuen Sion“ (1845—49) war er beteiligt. Cramer, Bücherkundc S. 193. 


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der Münchener Schule, wie er vor allem aus den Hist.-pol. Blättern 
wehte, mehr und mehr Abneigung zu empfinden begann, die 
sich dann aber erst später zur völligen Abkehr von der Kirche 
entwickelte. Wir möchten dabei hinweisen auf die Meinungs¬ 
äußerung eines jungen Theologen, der damals in München 
studierte und im Görreskreise viel verkehrte: Franz Lorinser. 
Er schreibt: „Bei Görres, Phillips, Windischmann traute man schon 
damals (1844) Döllinger nicht recht. Man nannte ihn schon 
damals eine Windfahne, die von der Regierungsluft hin und her 
bewegt wird.“ 1 ) 

Gering war auch der Anteil Möhlers 3 ) an den Blättern. 
Dieser dozierte zuerst in Tübingen, dann seit 1838 in München 
Kirchengeschichte. „Als Kirchenhistoriker und Begründer der 
wissenschaftlichen Symbolik bei den Katholiken ist er eine der 
bedeutendsten und glänzendsten Erscheinungen in der Geschichte 
der Theologie des XIX. Jahrhunderts.“ . Sein Freund Beda Weber 
schildert uns seine Stellung im Görreskreise 3 ): „Er war nicht nur 
von einer unheilbaren Krankheit angezehrt, sondern auch von 
seinen gesellschaftlichen Verhältnissen in München krankhaft 
gereizt.“ „»Ich bin,« sagte er mir, . . . »für die gelehrte Welt 
in München ein verpfuschter Mensch. Männer wie Döllinger, 
Lasaulx, Sepp, v. Moy, die beiden Görres, Seyfried, Phillips u. a. 
werden stets ehrwürdig vor meiner Seele stehen, aber der Um¬ 
gang mit ihnen wird mir in manchen Stunden schwer. Das 
scharfmarkierte ihres Kirchentums ist auch meine Ansicht und 
Ueberzeugung, aber die Art des Vortrags, die Verlautbarung der 
inneren Welt, die Stellung zur Gegenwart, welche diese Männer 
charakterisiert, greift mich oft an und verletzt meine Nerven«“. 
Wir sehen, Möhler können wir als Repräsentanten einer eigenen 
Richtung im Görreskreise betrachten, einer kleinen zwar und 
fast einflußlosen, wie sich an den Histor.-polit. Blättern zeigen 
wird. Eine mäßigende Einwirkung war Möhler versagt. Er starb 
schon bald nach seiner Uebersiedlung nach München, einige 
Tage nach dem Erscheinen des ersten Heftes der Blätter. Sie 
brachten später noch einige Aufsätze aus seinem Nachlaß. 

Beda Weber, 4 ) der als Dichter bekannt gewordene 
tyroler Benediktinermönch, spätere Abgeordnete im Frankfurter 
Parlament und Pfarrer dortselbst, zeigt eine ähnliche Gesinnung 
wie sein Freund. Sepp berichtet uns, daß er „laut sein Bedauern 


') Franz Lortnser, Aus meinem Leben. Regensburg 1892 Bd. II. S. 35. 

2 ) Vgl den Art. über Möhler in dem von Schiele u. Zscharnack herausg. 
Handwörterbuch: Die Religion in Geschichte u. Gegenwart IV. 1913 Sp. 426. 

3 ) Beda Weber, Charakterbilder. Frankfurt a. Main 1853. S. 11. f. vgl. dazu 
die Bemerkungen von Gams, Möhler S. 162 ff. sowie J. Friedrich, Möhler S. 55 
über die Glaubwürdigkeit der Charakterbilder Webers. 

4 ) Wackerneil, B. Weber u. d. tyroler Literatur. Innsbruck 1903. 


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äußerte über die in München herrschende Sprache, den Ton der 
Uebertreibung und Ueberreizung, indem dasselbe weit milder 
und gelassener besprochen werden könnte und dann nicht Freund 
und Feind abgestoßen würden.“') Von seiner Tätigkeit in den 
Blättern ist nicht viel bekannt. Gelegentlich des sog. „Tyroler 
Sänger-Krieges“ in den vierziger Jahren, der sich gegen den 
Dichter Streiter richtete, ergriff er hier verschiedentlich das 
Wort (Vgl. Wackerneil S. 264 ff.) 

Schließlich haben wir hier als Gesinnungsverwandten 
Möhlers einen Konvertiten zu nennen, einen der wenigen, denen 
das maßlose Eifern für ihre neue Religion und die dem Konver¬ 
titen sonst eigene, ausgeprägt scharfe polemische Tendenz durch¬ 
aus fehlte, Wilhelm Volk. 2 ) Er wurde 1804 in Halberstadt 
geboren und studierte Rechtswissenschaft. Er näherte sich dem 
Katholizismus zuerst in Berlin durch den Verkehr mit der Familie 
Phillips, zu deren intimsten Freunden er fortan zählte, 3 ) hielt 
jedoch einstweilen noch am Protestantismus fest und heiratete 
eine protestantische Pfarrerstochter. Ende der dreißiger und 
anfangs der vierziger Jahre kamen dann beide auf mehreren 
Reisen nach München mit dem dortigen katholischen Kreise in 
Berührung und fühlten sich bald mehr und mehr zum Katholizismus 
hingezogen. Dazu trug auch ganz besonders die Lektüre der 
Histor.-polit. Blätter bei. 4 ) Schon seit dem Jahre 1839 lieferte 
er ihnen Beiträge 5 ) über religiöse Dinge 6 ) in streng katholischem 
Sinne. Erst 1855 konvertierte er. Ueber seine Denkweise möge 
er selbst reden: „Die Katholiken, welche triumphierend die 
Selbstauflösung des Protestantismus verkündigen, 7 ) begingen 
neben dem intellektuellen Fehler, daß sie Selbstauflösung nannten, 
was nur der einstweilige Sieg oder die vorherrschende Verbreitung 
der negativen Richtung im Protestantismus war, auch einen 
moralischen, indem sie eine Art Schadenfreude über diese Selbst¬ 
auflösung an den Tag legten.“ 8 ) 

Kurz erwähnt seien hier drei Gelehrte, die uns die Ankün¬ 
digung als Mitarbeiter der Blätter nennt, über deren Anteil sich 
aber Näheres nicht sagen läßt. Hofrat B a y e rwar Professor der 
Rechte an der Münchener Universität. 

Carl Ernst Freiherr von M o y de Sons, 9 ) aus altem 

') Sepp, Görres S. 469. 

a ) Ludwig Clarus, Simeon. Wanderungen und Heimkehr eines christl. 
Forschers. 3 Bde Schaffhausen 1862. 

») Histor.-polit. Bl. Bd. 72 S. 614. 

4 ) Rosenthal, Konvertitenbilder Bd. I. 3. 3. A. S. 155. 

5 ) Clarus, Simeon Bd. II. S. 42. 

8 ) Rosenthal a a. O. S. 178. 

7 ) Gemeint Ist in erster Linie Jarcke. 

8 ) Clarus, Simeon 111. 358 f. 

«0 A. D. B. (v. Schulte). 


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pikardisehem Adelsgeschlecht in München, wo sein Vater als 
Emigrant lebte, 1799 geboren, wirkte seit 1837 ebenfalls als Jurist 
an der Universität. Die Vorgänge des Jahres 1847 brachten auch 
ihn um sein Amt und dem Beispiele vieler seiner Freunde 
folgend ging er nach Oesterreich. Dprch die Begründung des 
„Archivs für katholisches Kirchenrecht“, eines Sammelpunktes 
für eine streng päpstliche Behandlung des kanonischen Rechts, 
ist sein Name lebendig geblieben. Aber trotz der strengen Rich¬ 
tung seines Kirchentums schildert v. Schulte uns ihn als eine 
milde, sanfte Natur, die jeder schroffen Polemik abgeneigt war. 

Max Procop von Fr e y b e r g - E i se n be rg l ) 1789 in 
Freysing geboren, widmete sich in erster Linie juristischen 
Studien, daneben aber auch der Geschichte und Kunst. 1825 
wurde er Vorstand des allgemeinen Reichsarchivs in München, 
1838 in den Staatsrat berufen und schließlich als Nachfolger 
Schellings zum Präsidenten der bayrischen Akademie der Wissen¬ 
schaften ernannt. 

Für den früh verstorbenen Möhler trat Friedrich 
Windischmann in den Stab der Mitarbeiter ein. 2 ) Als 
Orientalist wie als Theologe hat er für die Wissenschaft Bedeuten¬ 
des geleistet; später wurde er Domkapitular und unter Erz¬ 
bischof Graf Reisach Generalvikar. Die Erreichung höherer 
Ziele blieb ihm aber trotz seiner großen Fähigkeiten versagt. 
Seine Freundschaft mit Görres und seine Beziehungen zu den 
Hist.-polit. Blättern waren die Ursache, daß er, der dafür in 
Aussicht genommen war, als Coadjutor die cölnische Frage ihrer 
Lösung entgegenzuführen, von den preußischen Staatsmännern 
als ungeeignet zurückgewiesen wurde. 8 ) 

Auch sein Vater, der Bonner Philosophie - Professor Carl 
Joseph Hieron. Windischmann, 4 ) unter dessen Einfluß 
einst Jarcke konvertierte, der mit Klee 6 ) und Moriz Lieber 
die Werke de Maistres übersetzt hatte und später als Vertreter 
der strengen, kirchlichen Richtung durch seine Denkschrift die 
Verurteilung der Lehren des Hermes in Rom veranlaßte, stand 
den Histor.-polit. Blättern, die sich ebenfalls mit Eifer gegen die 

') A. D. B. (Hcigcl.) Hist.-pol. Bl. Bd. XXIX, S. 129 ff. (Höflcr.) 

*) Hist.-pol. Bl. Bd. III. S. 58. Uebcr W. vgl. A. D. B. (Kuhn.) Er schrieb 
für die Bl. viele Aufsätze historischen, politischen und theologischen Inhalts. 
Besonders beschäftigte er sich mit der Hcrmesischcn Sache. Kuhn verzeichnet 
folgende Artikel: »Acta romana,* Bd. II. S. 526. »Die Allocution des Papstes,* 
Bd. IV. S. 789. „Lage der kirchl. Angelegenheiten in Preußen“ Bd. VII. S 278. 

3 ) Görres an seinen Sohn 26. VIII. 1841 Görres Briefe Bd. 1. S. 460. 

4 ) A. D. B. (Lauchcrl). 

•■) Heinrich Klee, Rheinländer von Geburt, war aus dem Mainzer Kreis 
hervorgegangen, wirkte später an der Bonner Universität und kam 1839 als 
Nachfolger Möhlers nach München, starb aber schon ein Jahr später. Vgl. 
A. D. B. (Lutterbeck). Ueber Lieber siehe weiter unten. 


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Rationalisierung des Christentums wandten, zum mindesten nahe. 
Sein Sohn widmete ihm dort einen Nachruf. 1 ) 

Zwei junge Theologen seien hier auch genannt, die für 
die Münchener Zeitschrift tätig waren: Martin Deutinger 2 ) 
stammte aus Schwaben und wurde nach philosophischen und 
theologischen Studien Militärprediger in München, dann Philo¬ 
sophie-Professor am Lyceum in Freysing, an der Münchener 
Universität und später in Dillingen. Schon als Sechsundzwanzig¬ 
jähriger betätigte er sich, wie sein Freysinger Kollege, Prof. 
Jocham, bemerkt, 3 ) mit philosophischen Aufsätzen in den Hist - 
polit. Blättern. Wenn er auch damals noch im Grunde Anhänger 
Schellings war, indem er dessen Philosophie „ganz mit dem 
Christentum und der Kirchenlehre auszusöhnen oder gar zu 
vereinbaren“ bestrebt war, wenn es „in ihm noch gewaltig gährte,“ 4 ) 
so ist in unserer Zeitschrift natürlicherweise angesichts ihres 
streng korrekten, kirchlichen Standpunktes doch nichts davon zu 
finden. 

Deutingers Landsmann und Altersgenosse, der Orientalist 
und Theologe Daniel Bonifatius H a n e b e rg , 5 ) seit 1839 
Privatdozent und seit 1844 ord. Professor ander Münchener Uni¬ 
versität, später Bischof von Speyer, war ein intimer Freund der 
Familie Görres und hat sich sicher an den Blättern beteiligt. 

Schwäbischer Herkunft war schließlich auch C o n s t a n t i n 
H ö f 1 e r , 6 ) der nach ausgiebigen historischen und juristischen 
Studien wider seinen Willen aus pekuniären Gründen sich ge¬ 
nötigt sah, die Redaktion der Münchener politischen Zeitung, 
des offiziellen Organs des eben ans Ruder gekommenen Ministeri¬ 
ums Abel, zu übernehmen. Wie hier, so schrieb er auch in den 
Hist.-polit. Blättern viele Artikel historischen und aktuellen politi¬ 
schen Inhalts im Sinne der Münchener katholischen Partei 7 ) Im 
Jahre 1841 wurde er Professor der Geschichte, wurde aber auch 
von den Ereignissen des Jahres 1847 getroffen und folgte 1851 
einem Rufe an die Prager Universität, wo er noch 30 jahre für 
das Deutschtum wirkte. 

Sehr nahe zum Görres’schen Hause stand der Mediziner 
Joh.Nep.Ringseis, 8 ) der durch sein christlich-philosophisches 

'fßd. "vT S. 257 ff. 

2 ) Vgl. A. D B. (Prantl). 

:i ) Magnus Jocham, Memoiren eines Obscurantcn. Eine Sclbstbiographie, 
hg. v. P. Mag. Sattler, Kempten 1896. S. 482. 

4 ) a. a. O. S. 497. 

•') Ueber H. siche Schegg im I. Bd. der von ihm herausgeg. Erklärung des 
Johannes-Evangeliums Hanebergs. 1878, sowie dessen Art. in der ADB. 

(i ) Vgl. ADB. Bd. 50 (Fränkcl) und Wurzbachs Biogr. Lexicon Bd. 9. 

7 ) Verzeichnis der Beiträge bei Wurzbach Bd. 9 S. 106. 

K ) Erinnerungen des Dr. J. N. von Ringseis, hg. v. E. Ringseis 3 Bde. 
Regensburg 1886 ff. 


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31 


System der Medizin bekannt geworden ist. 1 ) Seine streng stän¬ 
dische, konservative Staatsanschauung offenbarte er in verschiedenen 
Schriften, vor allem auch bei seiner Tätigkeit auf dem bayrischen 
Landtag. 2 ) Er ließ sich die Einführung der barmherzigen Schwe¬ 
stern in Bayern besonders angelegen sein und trat auch in den 
Blättern für sie ein. 3 ) 

Clemens Brentano war von der Heidelberger Zeit 
her mit Görres befreundet und hatte sich seit dem Jahre 1833 
wieder mit ihm in München zusammengefunden; hier brachte 
er die letzten 10 Jahre seines Lebens zu. Wenn uns auch keine 
Einzelheiten zu Gebote stehen, inwiefern er sich an den Blättern 
beteiligte, so unterliegt es doch in Anbetracht seiner Bemühungen 
für den „Katholik“ in früheren Jahren jedenfalls keinem Zweifel, 
„daß er das Erscheinen der Blätter im Jahre 1838 aus vollster 
Seele begrüßte, zumal an der Spitze des Unternehmens zwei 
seiner besten Freunde, George Phillips und Guido Görres, stan¬ 
den. Was er früher nie getan, dazu entschloß er sich jetzt und 
ließ einzelne seiner kleineren Aufsätze in den Histor.-polit. Blättern 
abdrueken, 4 )“ freilich keine politischen Abhandlungen, war doch 
„ihm alles was etwa an Politik grenzt, ohnehin zuwider.“ (So: 
Luise Hensel über B. vgl. Cardauns im Augustheft des „Hoch¬ 
land“ 1916 S. 603.) „Für die Verbreitung der Zeitschrift war er in 
seinen Gesprächen und Briefen äußerst tätig. . . “ 5 ) 

Ein Neffe von Görres, Ernst von Lasaulx, (! ) auch 
aus Coblenz gebürtig, schrieb schon im Jahre 1838, als er noch 
in Würzburg klassische Philologie lehrte, für die Münchener 
Zeitschrift 7 ) und durch die bald darauf erfolgte Berufung dieses 
erbitterten Gegners der preußischen Regierung nach München 
hat sein Interesse für das Organ sicher nicht abgenommen. 
Wußte er sich doch in seiner Gesinnung indieser Beziehung 
eins mit ihm. Und doch war er in seiner Weltanschauung, in 
seiner Hinneigung zu pantheistischen Ideen, in seiner Stellung 
zum Papsttum und seiner Beurteilung des Protestantismus so 
himmelweit von den Anschauungen der Münchener Schule ent¬ 
fernt! 8 ) So ist gerade Lasaulx ein sprechendes Zeugnis dafür, 

') Vgl. die Besprechung des Werkes von Görres Hist.-pol. Bl. Bd. VIII. S. 
87 ff. 

*) Vgl. Bergsträsser, Der Görreskreis im bayr Landtag. Oberbayr. Archiv 
Bd. 66. 1912 S. 248 ff. 

*) Verzeichnis der Beiträge am Ende des 3. Bd. der zitierten Selbstbiogra¬ 
phie. Sie stammen alle aus der Zeit nacii 1848 

*) Sie sind z. T. wieder abgedruckt in seinen Ges. Schriften, herausge- 
geben v. Clemens Brentano Bd. IV. Frankfurt 1852 S 355 ff. 

6 ) Diel-Kreiten, Clemens B. Bd. II. Freiburg 1877 S. 529. 

(i ) Stölzle, E. v. Lasaulx, München 1904. 

7 ) Stölzle a. a. O. S. 96. 

8 ) Stölzle a. a. O. S. 269. ff. 


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daß die preußische Regierung sich durch ihr unkluges, rigoroses 
Vorgehen im Jahre 1837 Männer zu Feinden gemacht und sie 
in das feindliche Lager der streng kirchlichen Partei getrieben 
hat, die ihr innerlich völlig fremd waren. 

In scharfem Gegensatz zu den politischen An¬ 
schauungen der Hist.-polit. Blätter stand der demokratische 
Katholikenführer Prof, der Rechte Buss 1 ) aus Freiburg. Daß er 
dennoch Anlaß nahm, in ihnen den Konvertiten Hurter gegen 
die Anwürfe seiner früheren Amtsgenossen zu verteidigen, 2 ) ist 
nicht nur ein Beweis für das Ansehen der Blätter in den weitesten 
Kreisen, sondern auch für die einheitliche, geschlossene Stellung 
der Katholiken nach außen unter Hintansetzung der politischen 
Meinungsverschiedenheiten. 

Noch ein anderer bekannter Jurist trat in den Münchener 
Blättern für Hurter ein, der Pandektist Carl Lud wig Arndt s 3 ). 
Er war geboren 1803 in Arnsberg i. W., lehrte zuerst an der 
Bonner Hochschule und folgte 1839 einem Rufe nach München. 
Im Frankfurter Parlament stand er auf der Seite der 
Großdeutschen; gleichwohl kann man bei ihm von einer Abnei¬ 
gung gegen Preußen keineswegs reden. Auch als er 1855 nach 
Wien übergesiedelt war, bewahrte er seinem alten Vaterlande 
eine treue Gesinnung. 4 ) An den Hist.-polit. Blättern beteiligte 
er sich eifrig, „indem er dort seine Betrachtungen über die Zeit¬ 
verhältnisse niederlegte.“ 0 ) 

Viele der Hauptförderer der katholischen Bewegung in der 
zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts erhielten in dem Brenn¬ 
punkte der katholischen, wissenschaftlichen und politischen 
Betätigung, wie wir das München der dreißiger und vierziger 
Jahre unstreitig nennen können, die wissenschaftlichen Grund¬ 
lagen und die ersten Anregungen für ihre spätere Wirksamkeit. 
Wir brauchen nur Namen wie Ketteier,Kolping, Sausen 
u.v. a. zu nennen. Der eine oder der andere mag auch wohl in den 
Histor.-polit.Blättern seine ersten literarischen Versuche veröffentlicht 
haben. Von entscheidender Bedeutung waren sie aber jeden¬ 
falls damals noch nicht. Kurz sei auch hier nur erwähnt 


*) Dor, F. J. v. Buss, Freiburg 1910. 

H. v. Hurter, Friedrich v. Hurter Bd. I. S. 159. 

:| ) Hist.-pol. Bl. Bd. XV. S. 267 nach Angabe Hurters, F. v. Hurter Bd. II. 
S. 59. Ueber Arndts vgl. den Artikel von l.andsberg in der A. D. B. Bd 43. 

4 ) So Landsberg a. a. O. Arndts heiratete übrigens nach Guido Görres’ 
Tod dessen Witwe 

• r ’) Brinz in der kritischen Viertcljahrsschr. f. Gesetzgeb. u. Rechtswiss. 
N. F. Bd. II. 1879 S. 5. Vgl. z. B seine Artikel über .Oeffcntlichkcit und 
Mündlichkeit der gerichtl. Verfassung* Hist.-pol. Bl. Bd. XVII., 95, XVIII. 164, 
die er entschieden verfocht im Widerspruch gegen eine vorher dort geäusserte 
entgegenstehende Meinung: Bd. XVI. S. 761. Die Redaktion hatte selbst 
die Frage hier als offen bezeichnet. 


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der spätere Breslauer Domkapitular Franz Lorinser 1 ) 
(1821 —1893), der schon während seiner Münchener Studienzeit 
auf Anregung von Phillips für die Blätter schrieb. 2 ) Auch sein 
Vater Carl Ignaz Lorinser 3 ) war eifrig für sie tätig. In 
Böhmen geboren und erzogen, trat er in den preußischen Sani¬ 
tätsdienst. Er selbst wie auch seine Frau, eine Konvertitin, em¬ 
pfanden jedoch eine große Abneigung gegen das „Ueberpreußen- 
tum“ und die protestantische Umgebung; so kam er auf seinen 
Wunsch als Medizinalrat nach Oppeln Nun zwar in katholischer 
Gegend, fühlte er sich gleichwohl von den Zuständen der 
schlesischen Kirche schmerzlich berührt. Wie er dem in seiner 
Selbstbiographie entschieden Ausdruck gibt, so hat er wahr¬ 
scheinlich auch an der Agitation gegen den Breslauer Fürstbischof 
Graf Sedlnitzky in den Hist.-polit. Blättern Anteil genommen. 
In seinen religiösen Anschauungen, die er uns in seiner Selbst¬ 
biographie schildert, ist er ganz vom Schlage eines Jarcke, dem 
er, wie dem Münchener Görreskreis, gleich nahe stand. Schlie߬ 
lich sei hier auch erwähnt, daß Lorinser dem Gedanken einer 
Reform der Gymnasien, womit er bereits im Jahre 1836 unter 
großem Interesse weitester Kreise hervorgetreten war, nachträg¬ 
lich noch im Jahre 1841 in den Histor.-polit. Blättern das Wort 
redete. 4 ) , 

Von größerer Bedeutung als die Mitarbeiter der katholischen 
Provinzen des Ostens waren diejenigen des Westens. In welcher 
Beziehung ihr Einfluß wirkte, werden wir im Laufe unserer 
Darstellung zu zeigen haben. Leider ist es aber auch hier 
wieder sehr schwierig, Genaueres über die Persönlichkeiten der 
Mitarbeiter festzustellen. Wir haben schon die Namen verschie¬ 
dener Rheinländer genannt, die sich in München zusammenge¬ 
funden hatten, einige seien hier noch hinzugefügt, die über die 
kirchlichen und politischen Verhältnisse des Westens der preußi¬ 
schen Monarchie an das ihnen befreundete Münchener Blatt be¬ 
richteten. Daß dies in reichem Maße geschah, beweisen einer¬ 
seits die vielen Zuschriften aus West-Deutschland, andererseits 
ist es aber auch die natürliche Folge der engen Verbindung ver¬ 
wandtschaftlicher und freundschaftlicher Natur der Münchener 
und Wiener Katholiken mit den Rheinländern. So war M o r i z 
Lieber, 5 ) der Vater des Zentrumsführers Ernst Lieber, ein 
Schwager des Münchener Theologen Windischmann, zugleich 

’) F. Lorinser, Aus m. Leben 2 Bde., Regensburg 1892. 

*) a. a. O. Bd. II. S. 29. 

3 ) C. J. Lorinser, Eine Sclbstbiograpliie, herausgeg. von seinem Solin, 2 Bde. 
Regensburg 1864. 

*) Hist.-pol. Bl. Bd. IX. und X. Ueber die ganze Frage s. Lorinscrs Selbst¬ 
biographie sowie Varrcntrapp, Job. Schulze, Leipzig, 1889 S. 415 ff. 

s ) Vgl. M. Spahn, E. Lieber als Parlamentarier, Clotha 1906, S. 4. Bachem, 
Die kath. Presse, schreibt ihm den Art. Hist.-pol. Bl. Bd. I. S. 188 zu. 


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mit Jarcke eng befreundet, so heiratete der Münchener 
Archaeologe und Numismatiker Prof. Streber, über dessen 
Teilnahme an den Blättern zwar nichts feststeht, der aber sicher¬ 
lich auch zu ihren Freunden zählte, eine Tochter |des Coblenzer 
Katholikenführers Dietz, 1 ) so vermittelte Jarcke den Verkehr 
zwischen rheinischen Katholiken wie Schaffrath, 2 ) Klee und 
Windischmann d. Ae. einerseits und der Kurie sowie Metternich 
andererseits. 3 ) Weiterhin mag auch Lutterbeck aus Münster 4 ) 
zu den Blättern in Beziehungen gestanden haben. 5 ) Desgleichen 
wirkte die westfälische Dichterin Annette von Droste- 
H ü 1 s h o f f an ihnen mit. 6 ) Sie stand in persönlichen Bezieh¬ 
ungen zu Guido Görres 7 ) und einer ihrer Neffen studierte Mitte 
der vierziger Jahre in München, wo er sich „sehr zum Phillips- 
schen Hause hielt“ 8 ) Die Zahl der rheinischen Mitarbeiter 
dürfte damit noch keineswegs erschöpft sein. Daß wir aber 
nicht in der Lage sind, sie vollständiger zu geben, fällt weniger 
ins Gewicht, weil die politische Richtung der Zeitschrift, die es 
hier in erster Linie festzustellen gilt, nicht so sehr von ihren 
liberalen Ideen als vielmehr in der Hauptsache von den meist 
reaktionären Münchenern und Wienern beeinflußt wurde. Nahe 
verwandt ist dieser maßgebenden Richtung der Rheinländer 
J. Th. Laurent, 9 ) apostolischer Vicar von Luxemburg, 
ln kirchlicher Beziehung hatte er selbst an Joseph Görres 
Ausstände zu machen, 10 ) und seine politische Ueberzeugung charak¬ 
terisiert sein Biograph folgendermaßen: 11 ) „Er war eine durchaus 
konservative Natur und dem Republikanismus und Konstitutionalis- 
mus so abgeneigt, daß einer seiner geläufigsten Aussprüche war, ein 
schlechter König sei immer noch besser als eine gute Republik. “Jarcke 
und Phillips konnten ihn also ganz zu den ihrigen rechnen; 1842 
wurden sie in Rom auch persönlich miteinander bekannt. 12 ) 

') Diel-Kreiten, Clemens Brentano Bd. II. S. 260 ff- 

2 ) Ein Cölner Pfarrer, Beichtvater des Erzbischofs Clemens August, vgl. 
Pfülf, Geissei Bd. I. S. 492. 

8 ) Vgl. Vogel, Beiträge zur Geschichte des Cölner Kirchenstreites. Bonn 
1913 S. 19, 89 und passim, sowie die Denkschrift bei Schwahn, Die Bez. 
der kath. Rheinlande und Belgiens S. 180 ff. 

4 ) Vgl. über ihn Vogel passim. 

5 ) Zu entnehmen aus Möller, Laurent. Trier 1887 Bd. II. S. 28. 

°) Brühl, Geschichte der kath. Literatur Deutschlands Leipzig 1854, S. 617. 

7 ) Briefe v. A. v. Droste-Hülshoff u. Levin Schücking, herausgeg. von Theo 
Schücking 1893, S. 313 ff. 

8 ) Cardauns, Die Briefe der A. v. Droste-Hülshoff, Münster 1909, S. 329. 

*) K. Möller, Leben und Briefe von J. Th. Laurent. 3 Bde. Trier 1887. 

,0 ) a. a. O. Bd. I. 362. 

“) a. a. O. Bd. I. S. 479. 

1S ) Seine Mitarbeit an den Blättern erhellt aus dem Briefe Guidos an seinen 
Vater vom 3. VIII. 1841 Görres Briefe Bd. I. S. 450, vgl. auch Foesser, J. Th. 
Laurent ln Frankf. zeitgemäße Broschüren N. F. Bd. XL Heft 5 S. 176. Hier 
werden Laurent die Artikel über die Ferdinandeische Stiftung zugeschrieben. 


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Wir möchten endlich hier auch den Romantikerkreis um 
Johann Friedrich Schlosser auf Stift Neuburg bei 
Heidelberg erwähnen. Dieser Maecen, der sich um die Förder¬ 
ung von Kunst und Wissenschaft die größten Verdienste erwarb, — 
es sei nur hingewiesen auf seinen Anteil an der Begründung 
der Monumenta Germaniae historica, — hatte sich seit seiner 
Konversion im Jahre 1814 auch die Förderung der katholischen 
Interessen zur besonderen Aufgabe gemacht. Mochte auch seine 
irenische, konfessioneller Polemik gänzlich abgeneigte Gesinnung 
wenig zu dem Geist passen, der aus den Histor.-polit. Blättern 
wehte, so läßt doch seine Begeisterung für die katholische Sache 
wie nicht minder sein politisches Bekenntnis zum mittelalter¬ 
lichen Ständestaat und seine Freundschaft mit dem Görreskreis 
mit Sicherheit darauf schließen, daß er seine reiche publizistische 
Tätigkeit auch in den Dienst der hervorragendsten Zeitschrift 
der deutschen Katholiken stellte. Dafür spricht schließlich auch 
die Tatsache, daß ihm dort ein längerer Nachruf gewidmet 
wurde. 1 ) Er stammt von einem seiner Freunde, dem bekannten 
Historiker J. F. Böhmer, 9 ) dessen Mitarbeit an den Histor.- 
polit. Blättern uns damit für das Jahr 1851 bekundet wird. Er 
war auch eng befreundet mit Görres und seinem Kreis, 3 ) stimmte 
in seinen politischen Anschauungen mit den Blättern überein, 4 ) 
und obwohl er, der Protestant, nicht den entscheidenden Schritt 
der Konversion tat, so stand er doch dem Katholizismus sehr 
nahe, und sein Anteil an dem Versuch zur Begründung einer 
katholisjjhen Zeitung 6 ) beweist vollends sein Interesse für die 
katholische Publizistik. So werden wir ihn wohl auch für die 
erste Epoche der Histor.-polit. Blätter in Anspruch nehmen dürfen. 

Zum Schlüsse seien die Namen einiger weniger Katholiken 
genannt, die der Münchener Zeitschrift Beiträge lieferten, obwohl 
sie jenseits der Grenzen des deutschen Bundes wohnten. Baron 
Ferdinand von Eckstein, 6 ) in Kopenhagen 1790 ge¬ 
boren, 7 ) erwarb sich seine Hochschulbildung in Deutschland, 
konvertierte 1807 in Rom, beteiligte sich im Lützower Korps an 
den Freiheitskriegen und ging als Polizeidirektor von Gent später 


») Hist.-pol. Bl. Bd. XXVIII. S. 660 ff. 

s ) Janssen, Böhmers Leben, Briefe u. kl Schriften, Frciourg 1868. Bd. 111. 
S. 478. 

») a. a. O. Bd. I. S. 420, II. 357. 

*) a. a. O. Bd. II, S. 260. 

s ) a. a O. II. S 339 

6 ) Rosenthal, Konvertitenbilder Bd. 1.1. S. 96 ff., Buchbergers kirchl. Hand¬ 
lexikon Bd. I. Sp. 1227, Augsb. Allg. Ztg. 29. XI. 1861 Nr. 333. 

7 ) Nach H. Heine, Geständnisse (Ges. W. bei Grote Berlin Bd. VII. S. 444 f.) 
ist er von jüdischen Eltern in Altona geboren. (Das letztere nimmt auch 
Herders Konv.-Lex. 3A. Bd. II. Sp. 1613 an.) Heine schildert ihn dort als 
typischen jüdischen Renegaten, der zuerst lutherisch, dann katholisch konvertiert. 


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in niederländische Dienste. Nach Wiederherstellung des alten 
Königtums in Frankreich nahm er dort Dienste an und bekleidete 
eine angesehene Stellung im Ministerium des Auswärtigen hn 
Jahre 1830 zog er sich ins Privatleben zurück und widmete sich 
nun ganz der Publizistik. Schon in den Jahren 1826—29 hatte 
er die Zeitschrift „Le Catholique“ herausgegeben, „um die feuda¬ 
listischen und klerikalischen Interessen zu vertreten“ (Heine, Ges. W. 
Bd. VII. S. 445), eine Zeitschrift, die in keinem Geringeren als Joseph 
Görres einen außerordentlich wohlwollenden Kritiker fand. Für 
die Augsburger Allgemeine Zeitung war er später der ständige 
Pariser Berichterstatter. 1 ) Auch am Berliner Politischen Wochen¬ 
blatt beteiligte er sich. 2 ) Den Histor.-polit. Blättern blieb er bis 
an sein Lebensende (1861) treu. 3 ) Wie er der katholischen Kirche 
in großer Anhänglichkeit zugetan war, so sah er seine politische 
Aufgabe in der Verfechtung des Legitimitätsprinzips. Er war also 
in jeder Beziehung ein Gesinnungsgenosse des Görreskreises. 

Der Konvertit Carl Brandes, 4 ) aus Braunschweig ge¬ 
bürtig, der bald nach seinem Uebertritt zur katholischen Kirche 
im Jahre 1835 sich Lacordaire anschloß und dann in das Bene¬ 
diktinerkloster Guerangers zu Solesmes eintrat, hat von seiner 
reichen publizistischen Tätigkeit vielleicht auch Proben in den 
Histor.-polit. Blättern niedergelegt, zu deren Kreis er während 
seines Münchener Studienaufenthalts 1844—45 in nahe Be¬ 
ziehungen trat. 

Brandes’ Verbindung mit Lacordaire führt uns zu den Be¬ 
ziehungen zwischen dem deutschen und dem französischen 
Katholizismus. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, hier näher 
auf dieses schwierige Problem einzugehen, zumal da die Ideen 
der Franzosen in unserer Zeitschrift wenig Anklang fanden, wie 
sich im Laufe der Darstellung zeigen wird. Auf das Verhältnis 
zum Grafen Montalembert werden wir noch zurückkommen. 

Schließlich seien noch zwei Stimmen aus Ungarn erwähnt. 
Derdurch seine „Gebetsheilungen“ bekannt gewordene Weihbischof 
und Generalvicar von Großwardein Fürst Alexander von 
Hohenlohe trat in den Blättern für die sittliche Hebung des 
deutschen Klerus ein, 5 ) ein früherer protestantischer Theolog, der 
Professor S c h m e t z in Eperies (Ungarn) rechtfertigte in den 
Blättern seine Konversion. 6 ) 

') Briefe Döllingers an eine junge Freundin. Herausgeg. von H. Schrörs. 
Kempten 1914, S. 105, 115, sowie Augsb. Allg. Ztg. a. a. ü 

2 ) Briefe des Generals Rochus v. Rochow an einen Staatsbeamten. Herausgeg. 
von Kelchner u. Mendelsohn Bartholdy. Frankfurt 1873, S. 141. 

*) Rosenthal, Konvertitenbildcr, Suppl. zu Bd. I. 1. 1902 S. 23. 

*) Rosenthal, Bd. I. 2. S. 90. 

5 ) Hist.-pol. Bl. Bd. XV. S. 561 vgl. über ihn ADB. u. Wctzcr u. Weltes 
Kirchenlexikon. 

6 ) Hist.-pol. Bl. Bd. XVII. S. 235 vgl. Rosenthal, Konvertitenbildcr Bd. I. 2. S. 358. 


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37 


Damit schließen wir unseren Ueberblick über die Mitarbeiter 
der Zeitschrift, der freilich keinen Anspruch auf Vollständigkeit 
machen kann. Immerhin glauben wir alle diejenigen Persönlich¬ 
keiten aufgeführt zu haben, welche für die Richtung, die die 
Blätter in den ersten zehn Jahren ihres Bestehens nahmen, aus¬ 
schlaggebend wurden. Zweierlei charakterisiert sie: Einmal die 
strenge, kirchliche Richtung, die sich aus der Tatsache erklärt, 
daß ein außerordentlich großer Prozentsatz der Mitarbeiter, ja 
alle führenden, der Kirche erst jüngst als Konvertiten neu ge¬ 
wonnen waren; auch Männer wie Joseph Görres und Clemens 
Brentano können wir gewissermaßen zu diesen zählen. Hand in 
Hand damit ging bei den meisten diejenige politische Richtung, 
die der aufblühende Katholizismus in der ersten Hälfte des neun¬ 
zehnten Jahrhunderts durchweg verfolgte: Der ausgeprägteste 
Konservatismus. Diese Grundtendenzen finden also in den Histor- 
polit. Blättern ihren Niederschlag. Es mag auch auf die selt¬ 
same Erscheinung aufmerksam gemacht werden» daß bei dieser 
Zeitschrift, die auf bayerischem Boden erstand, der Anteil der in 
Bayern gebürtigen Katholiken inganz überraschender Weisezurück¬ 
tritt, während in erster Linie das protestantische Norddeutschland, vor 
allem Preußen, die richtunggebenden Männer lieferte. Es hängt 
dies z. T. zusammen mit der Konzentrierung des katholischen 
Lebens und katholischer Wissenschaft von ganz Deutschland in 
der bayrischen Hauptstadt unter der Aegide König Ludwigs. 
Auch hat der Klerus keineswegs eine einschneidende, maßgebende 
Rolle gespielt, wenn auch manche Geistliche von großem wissen¬ 
schaftlichem Rufe zum Kreise der Blätter zählten. Vielmehr 
waren es hier, wie überhaupt in der katholischen Bewegung 
Deutschlands, in erster Linie Laien, welche als die Vorkämpfer 
des Katholizismus zu gelten haben. 

Da der Zeitschrift so hervorragende Kräfte zur Verfügung 
standen, ist es natürlich, daß sie in kürzester Zeit ein außeror¬ 
dentliches Ansehen erlangte und sich trotz der größten von 
außen her drohenden Schwierigkeiten zu behaupten wußte. 
Schon nach Ablauf eines Jahres berichtete sie: „Die Aufnahme 
derselben, welche unsere kühnsten Erwartungen überstieg, lieferte 
zunächst den Beleg dafür, daß eine solche Zeitschrift ein dringen¬ 
des Bedürfnis war, der steigende Beifall aber, dessen sie sich 
erfreut, beweist, daß das Publikum sein Zutrauen ihr zugewendet 
hat.“ 1 ) Und W. E.von Ketteier, der damals in München studierte, 
konnte seiner Schwester berichten, daß die Blätter „schon eine 
sehr bedeutende Verbreitung erreicht haben.“ 2 ) Auf Seiten der 
Freunde wie der Feinde konnte man sich der Anerkennung ihres 

') Hist.-pol. Bl. Bd. III. S. 57. 

2 ) Kettcler am 10. VI. 1830 Raich, Briefe von und an Ketteier. Mainz 
1879, S. 15. 


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Einflusses und ihrer Bedeutung nicht entziehen. Radowitz, der 
keineswegs die Tendenz der Blätter unbedingt billigte, jiannte 
sie gleichwohl ein Organ, „das seine Mängel mit allen Partei¬ 
schriften, seine Vorzüge mit keiner mir bekannten gemein hat.“ 1 ) 
Der Führer der französischen Katholiken, Graf Montalembert, 
charakterisierte sie: „Forgane principal de l’opinion catholique 
au-delä du Rhin,“ „le recueil catholique, le plus accr£dit£ de 
P Allemagne.“ 2 ) Der Kirchenrechtler von Schulte schließlich be¬ 
richtet folgendes: „Sie wurden sofort das tonangebende politische, 
katholische Organ, ... ihr Einfluß ist vor 1848 ein kolossaler 
gewesen, die «guten» Katholiken schwuren darauf und selbst 
die nicht korrekten konnten sich nicht enthalten, dasselbe zu 
lesen. Ich erinnere mich, wie mein Vater, der gleich dem Pfarrer 
meiner Geburtsstadt 3 ) durchaus auf der Seite der preußischen 
Regierung stand, jedes neue Heft las. Selten bin ich vor 1848 
zu einem katholischen Geistlichen gekommen, ohne die gelben 
Hefte zu sehen.“ 4 ) Die hervorragendste deutsche Tageszeitung 
endlich, die Augsburger Allgemeine Zeitung, in politischer wie 
in konfessioneller Beziehung von jeher eine scharfe Gegnerin 
der Blätter, kann nicht umhin, sie als „das geistvollste, kräftigste 
und selbständigste Organ der Interessen der streitenden Kirche“ 
zu bezeichnen. 3 ) 

Aber wiewohl die Blätter schnell großes Ansehen gewannen, 
so sind ihnen Krisen doch nicht erspart geblieben. Wir wiesen 
schon auf den Ausspruch Jarckes hin, der die Gegensätze im 
Lager der Mitarbeiter beleuchtet; 6 ) und dazu gab es auch noch 
äußere Feinde in Menge. 

Die bayrische Regierung des streng katholischen Mini¬ 
sters von Abel behinderte zwar ihr Erscheinen äußerlich eben¬ 
sowenig wie die ihm im Amte folgenden Lolamontanen. Aber beider 
Einwirkung auf die innere Haltung der Zeitschrift war doch, wie 
wir später sehen werden, nicht gering. 

Auch in Oesterreich wurde sie trotz der strengen 
Zensur nicht verboten. 7 ) 

Dagegen war es vorauszusehen, daß sich Preußen gegen- 

') (Radowitz), Gespräche aus der Gegenwart über Staat u. Kirche. Neue 
Ausg. Stuttgart 1847 S. 302. Lieber seine Stellung zu den Bl. s. weiter unten. 

Hist.-pol. Bl. Bd. XVIII, S. 548 ff. 

3 ) Winterberg im Sauerland 

*) v. Schulte, Gesell, der Quell, u Lit. des kanon. Rechts Bd. III. S. 382. 

*) Augsb Allg. Ztg. 1847 Nr. 67, vom 4. III. Vgl. auch das anerkennende 
Urteil des grimmigen Gegners der Görrespartei Friedrich Rohmer, Meinungs¬ 
äußerung eines Konservativen gegen den Ultramontanismus in Bayern 1846, 
S. 88 s. darüber in einem späteren Kapitel. 

''•) s. o. S. 16. 

7 ) H. v. Hurter, Friedrich v. Hurter Bd. I. S. 120. Ueber die Wirkungen 
der österreichischen Zensur s. weiter unten. 


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über einem katholischen Organ dieser Tendenz von vornherein 
ablehnend verhalten werde. So war denn auch den preußischen 
Postämtern der Debit der Zeitschrift von Anfang an untersagt, 1 ) 
und auch die Publikation der Ankündigung war preußischen 
Zeitungen nicht gestattet worden; „ . . so hatte man beim ersten 
Vorstoß gegen Preußen das Verbot zu gewärtigen, einen 
Schritt, den man um jeden Preis zu vermeiden suchte,“ „denn 
ein Verbot von Seiten Preußens beim Erscheinen des ersten 
Heftes wäre der erste Schritt zu unserem Verderben gewesen.“ 2 ) 
Aus diesen Worten geht klar hervor, einen wie großen Wert die 
Leiter der Blätter auf die Beteiligung der preußischen und zwar 
wohl in erster Linie der rheinischen Katholiken legten, von denen 
sie auch bald eifrig gelesen wurden. 3 ) So erklärt es sich, daß 
der Ton Preußen gegenüber anfangs sehr maßvoll war. Aber 
trotzdem konnten sie auf die Dauer ihrem Schicksal nicht ent¬ 
gehen. 

Schon im Frühjahr 1838 4 ) wandte sich das preußische 
Ministerium, offenbar auf Anregung Altensteins, an Nagler, den 
Chef des preußischen Postwesens, mit dem Ersuchen, Bestellungen 
auf diese Zeitschrift zurückzuweisen und so unter der Hand einer 
Verbreitung entgegenzuwirken, doch Nagler leistete Widerstand, 
da das Postdepartement bei der Verwaltung des Zeitungswesens 
nur pekuniäres Interesse habe und deshalb die Annahme von 
Bestellungen auf die Histor.-polit. Blätter nicht abgelehnt werden 
könne, ohne daß ein bestimmtes Verbot ergangen sei. Gegen 
ein Verbot aber hatte Werther 5 ) ernste Bedenken, da er es für 
ganz zwecklos hielt, im Hinblick auf die geographische Lage 
der Rheinprovinz, auf die heimliche Verbreitung des „Athanasius“ 
und des „Roten Buches.“ Untersage man die anständige Dis¬ 
kussion, so gebe man damit de facto das eben erst angenommene 
System der Widerlegung wieder auf, und konsequenter Weise 
müßten dann mit den Histor.-polit. Blättern auch die Münchener 
politische Zeitung, die Augsburger Postamtszeitung, die Sion, 
der Herold des Glaubens, kurz die gesamte ultramontane Presse 
verboten werden. Wie gut übrigens die Aufhebung des gänz¬ 
lichen Stillschweigens der inländischen Presse über die Cölnische 
Angelegenheit bisher gewirkt habe, darüber lägen ja verschiedene 
Berichte der Gesandtschaften und Oberpräsidenten vor. Damals 
schien Werther mit seinen Gründen durchzudringen, jedenfalls 


*) Hist.-pol. Bl. Bd. IV. S. 447. 

*) Hist.-pol. Bl. Bd. II. S. 143, vgl. C. Th. Perthes, Friedrich Perthes’ Leben, 
Bd. III. Gotha 1855, S. 470. 

*) Vogel, Beitr. z. Gesch. d. Cölner Kirchenstreites S. 49. 

4 ) Ich folge hier Vogel a. a. O., der sich auf archivalische Forschungen 
stützt. 

5 ) Als Nachfolger Ancillons Minister des Auswärtigen 1837—1841. 


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40 


schloß sich Rochow 1 ) ihm an, Altenstein trat ihm jedoch ent¬ 
schieden entgegen mit dem Hinweis auf die Gefährlichkeit des 
Zeitungswesens und die andauernde Entfachung konfessioneller 
Zwietracht. Das Blatt dränge sich wie ein Keil in die katholische 
Bevölkerung Rheinlands und Westfalens immer tiefer ein und 
Männer, in deren Geist es redigiert werde, z. B. Jarcke, seien 
ausgesprochene Antagonisten Preußens. Vogel sagt dann weiter, 
daß der tiefere Grund für diese Stellungnahme Altensteins wohl 
in einem Artikel der Histor.-polit. Blätter aus der Diözese Erm- 
land zu suchen sei, in dem der preußische Kultusminister heftig 
angegriffen wurde. 2 ) Wir möchten hingegen besonders in Anbe¬ 
tracht des prinzipiellen Standpunktes Altensteins eher annehmen, 
daß er daraus nur einen äußeren, vielleicht gar willkommenen 
Anlaß nahm, um gegen die Blätter Vorgehen zu können. Denn 
ihm war bei seinem „kalten Verstandesfanatismus“ jegliche kon¬ 
fessionelle Einseitigkeit und zumal eine Agitation, wie sie in den 
Blättern getrieben wurde, im Herzen zuwider. 3 ) Derselben An¬ 
sicht waren auch die Herausgeber, indem sie schrieben: „Wir 
können die ganze Mitteilung des Correspondenten 4 ) nur für 
dessen Privatansicht halten,, . . . denn sonst müßte man doch 
glauben, daß die dort schon bekannte Berichtigung des Irrtums 
auch die Aufhebung des Verbots nach sich ziehen würde. Wir 
zweifeln, daß diese geschehen werde, weil das Verbot auf viel 
gewichtigeren Gründen beruhen möchte.“ 5 ) Doch damit sind 
wir schon den Ereignissen vorangeeilt. Altenstein drängte näm¬ 
lich jetzt, wo ihm eine Handhabe zum Vorgehen gegen die 
Blätter gegeben war, nachdrücklich auf deren Verbot, ohne einen 
Antrag des Ober-Zensur-Kollegiums abzuwarten und drohte, dem 
König die Sache zur Entscheidung vorzulegen. Auf diese Weise 
setzte er endlich seinen Willen durch. Am 7. August 1839 wur¬ 
den die Histor.-polit. Blätter in Preußen verboten. 6 ) Aber auf 
Bitten der Buchhändler, „die dagegen angekommen, vorstehend, 
der Schaden werde bei plötzlicher Inhibierung sie betreffen, da 
sie dann zahlen müßten, ohne selbst Zahlung zu erhalten,“ 

') Der Minister des Innern 1834—1842. 

! ) Hist.-pol. Bl. Bd. III. S. 487. Ebenso argumentierte die Augsb. Allg. Ztg 
15. IX. 183b. In dem angef. Artikel wird Altenstein beschuldigt ein Stipendium, 
über das das Domkapitel zu verfügen hatte, widerrechtlich verliehen zu haben. 
Das Domkapitel berichtigte die Sache in den Blättern Bd. IV. S. 313, sodall 
man in München auch cinsah, daß man von einem Zeloten übel beraten wor¬ 
den sei. 

3 ) Vgl. dazu die interessanten, Altenstein durchaus gerecht werdenden Aus¬ 
führungen Hist.-pol. Bl. Bd. VI. S. 81. 

4 ) Der Augsb. Allg. Ztg. a. a. O. 

5 ) Hist.-pol. Bl. Bd. IV. S. 447. 

6 ) Erste Erwähnung des Verbots: Hist-pol. Bl. Bd. IV. S. 44<>, Heft vom 
1. X. 1839. 


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wurde das Verbot bis zum 1. Januar 1840 hinausgeschoben. 1 ) 
Der alte Görres hat von dieser Einräumung „noch reichlich Ge¬ 
brauch gemacht,“ wie er selbst sagt, 2 ) indem er schnell noch ein 
heftiges Pamphlet gegen Preußen in den Blättern los ließ: „Zweites 
Jahrgedächtnis des 20. November.“ 

Trotz mannigfacher Bemühungen und vieler Petitionen, be¬ 
sonders von Seiten der Rheinländer, bei denen das Verbot der 
Blätter viel böses Blut machte, — gleichwohl kamen sie nach 
wie vor noch dorthin, 3 ) — war von der Regierung eine Auf¬ 
hebung nicht zu erreichen. Auf eine Petition Coblenzer Bürger 
vom 1. I. 1843 antwortete der Oberpräsident, dem Gesuche 
könne nicht stattgegeben werden, „da diese Zeitschrift Angelegen¬ 
heiten der katholischen Kirche mit besonders feindlicher Absicht¬ 
lichkeit gegen Preußen in einer den kirchlichen Frieden und die 
paritätische Stellung der Konfessionen in den deutschen Bundes¬ 
staaten störenden Weise zu besprechen fortfahre.“ 4 ) Eine ähn¬ 
liche Antwort erfolgte auf ein Gesuch trierischer Katholiken. 5 ) 

Die Ausschließung sollte ursprünglich nur bis zum I. I. 
1842 gelten, 0 ) sie wurde dann aber weiter verlängert und erst 
durch die Preßfreiheit des Jahres 1848 erhielten die Histor.-polit. 
Blätter wieder Eingang in Preußen. 

Inwieweit das Verbot nachteilig auf die Blätter wirkte, ist 
nicht klar ersichtlich. Anfangs 1840 konnte Joseph Görres noch 
an Giovanelli schreiben: „Es ist, wie Sie sagen, die Blätter ge¬ 
winnen stets an Einfluß wie an Gehalt, das Verbot hat z. Zt. 
noch gar keine Störung bewirkt, und das verstockte Stillschwei¬ 
gen, in das sie sich zurückgezogen, macht ihre Stimme nur um 
so lauter erschallen.“ 7 ) Wenn aber dennoch ein Jahr später eine 
schlimme Krisis über sie hereinbrach, so ist das Vorgehen der 
preußischen Regierung dabei sicher nicht ganz ohne Einfluß ge¬ 
wesen. C. Lorinser schrieb Ende 1841 über die Lage der Blätter 
an seinen in München studierenden Sohn: „ . . . sehr betrübend 
ist für mich die schlimme Prognose, welche Dein Schreiben über 
unsere beste Zeitschrift enthält. Könnte ich das Geringste zu 
einiger Lebcnsverlängerung beitragen, so wollte ich gewiß nicht 
der Letzte sein.“ 8 ) Ebenso weist auf einen Niedergang die An¬ 
gabe Döllingers hin, daß Phillips, als sich seine Einnahmen aus 
den Histor.-polit. Blättern verringerten, sein Kirchenrecht zu 

*) Daraus darf man auch auf eine weite Verbreitung in Preußen schließen. 

2 ) Görres Briefe Bd. II. S. 528. 

3 ) Vogel S. 51. 

4 ) Hist.-pol. Bl. Bd. XII. S. 556. 

5 ) Hist.-pol. Bl. Bd. XV. S. 609. 

®) Lorinser, Aus meinem Leben. Regensburg 1892 Bd. II. S. 76. 

7 ) Görres Briefe Bd. III, S. 543: Görres an Giovanelli am 4. III. 1840. 

"J C. J. Lorinser, Selbstbiographie Bd. I. S. 89. 


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42 


schreiben begonnen habe. 1 ) Aber auch diese schlimmen Tage 
haben sie glücklich überwunden. 

Ebensowenig wie äußerer Zwang vermochte geistige Be¬ 
kämpfung den Blättern auf die Dauer etwas anzuhaben. Es war 
ja natürlich, daß ein Organ ihrer Art, welches von vornherein 
gewohnt war, in so schroffer und rücksichtsloser Weise seine 
Meinung in kirchlichen wie in politischen Angelegenheiten zu 
verkünden, sich schnell viele Gegner erwerben und offenen Wider¬ 
spruch geradezu herausfordern mußte. Drei Zeitschriften ent¬ 
standen im Gegensätze zu den Histor.-polit. Blättern. 3 ) Wie diese 
selbst das Hauptgewicht auf kirchliche und kirchenpolitische Dinge 
legten, so sahen auch ihre Gegner in diesem Punkte vor allem 
das Ziel ihres Angriffs. 

Zuerst trat der Erlanger Theologe Adolf Harleß auf 
den Plan. Er begründete im Jahre 1838 in Verbindung 
mit Höfling, Hofmann, Thomasius und andern Kollegen die 
„Zeitschrift für Protestantismus und Kirche.“ 
Die erste Folge erschien 1838—40 (5 Bände), diezweite seit 1841. 
Im Jahre 1876 ging sie ein. „Sie setzte sich sowohl die Ver¬ 
tretung des Protestantismus und der protestantischen Kirche gegen 
die ultramontanen und romanisierenden Richtungen als des Luther¬ 
tums gegen Gefahren der Union sowie die Erneuerung kirch¬ 
licher Erkenntnis und Praxis überhaupt erfolgreich zur Aufgabe.“ 3 ) 
Die zahlreichen Polemiken, in denen sie sich namentlich gegen 
die Histor.-polit. Blätter wandte, lassen den eigentlichen Zweck, 
die Bekämpfung der Münchener Schule, klar erkennen. 

Dasselbe Ziel verfolgten die beiden anderen Zeitschriften, 
die den Kampf vermittels eines Bündnisses zwischen Katholiken 
und Protestanten zu führen gedachten. Der Geheime Regierungs¬ 
rat Gerd Eilers, der in den dreißiger Jahren bei der Regie¬ 
rung in Coblenz tätig war und später im Ministerium 
Eichhorn das preußische Schulwesen bearbeitete, begrün¬ 
dete im Jahre 1839 die „Deutschen Blätter für 
Protestanten und K a tholiken, eine historisch- 
politische Zeitschrift in zwanglosen Heften.“ 
Von diesem, im Verlag von C. F. Winter in Heidelberg erschie¬ 
nenen Organ liegen 6 Hefte der ersten und 2 der neuen Folge 
vor; als Eilers 1841 nach Berlin berufen wurde, ging es alsbald 
ein. Er berichtet uns in seinen Erinnerungen einiges über sein 
Unternehmen. 4 ) Es richtete sich, wie er dort bemerkt, gegen die 

') Döllinger, Akad. Vorträge Bd. II. S. 185. Der I. Band des Kirchenrechts 
erschien 1845. 

s ) Vgl. Hist.-pol. Bl. Bd. VI. S. 497 

8 ) Luthardt in der ADB. Art. „Harleß*. 

4 ) G. Eilers, Meine Wanderung durchs Leben. 6 Bde. Leipzig 1856 ff. 
Bd. III. S. 233. 


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konfessionell einseitige und nicht selten gehässige Beurteilung 
des Protestantismus und der preußischen Regierung, es will 
..zeigen, welche Wohltaten das ganze deutsche Volk in seiner 
wissenschaftlichen, sittlichen und religiösen Bildung der Refor¬ 
mation zu verdanken hat“ x ) und suchte eine Verständigung 
zwischen Katholizismus und Protestantismus, besonders in den 
Rheinlanden anzubahnen. Aber die „Deutschen Blätter“ hatten 
damit wenig Glück, ln der Schärfe der Polemik standen sie 
ihren Gegnern in München keineswegs nach, und so waren sie 
nichts weniger als geeignet zur Vermittlung der schroff sich 
entgegenstehenden Meinungen „Der Herausgeber ist“, so heißt 
es im einleitenden Artikel des ersten Heftes, „mit den Schwierig¬ 
keiten des Unternehmens wohl bekannt und weiß, daß er es mit 
Leuten zu tun hat, die mit Unglück schwanger gehen und Mühe 
gebären, die Basiliskeneier brüten und Spinngewebe wirken.“ — 
ln erster Linie wollte er sich der Kirchenpolitik zuwenden, (/ dem 
Verhältnis von Kirche und Staat, durch dessen Entstellung und 
Verfälschung die neuen Jesuiten und ihre dienstbaren Geister den 
Sinn des katholischen Volkes zu täuschen und die bestehende 
Ordnung zu verwirren trachten.“ Hieraus erhellte schon, daß sich 
die Zeitschrift die Verteidigung des Staatskirchentums zur Auf¬ 
gabe gemacht hatte; und in der Tat bilden mehr wissenschaft¬ 
lich als gemeinverständlich gehaltene Aufsätze geschichtlichen 
und kirchenpolitischen Inhalts im Geiste des Febronianismus und 
Josephinismus den Hauptinhalt der acht Hefte. 

Das Unternehmen wurde nach Eilers’ Angabe „von katho¬ 
lischen Kirchenrechtslehrern, Staatsmännern und hohen geistlichen 
Würdenträgern, die es mit der katholischen Kirche redlich mei¬ 
nen, aber das Christentum hierarchischen Anmaßungen nicht 
opfern wollen“, unterstützt. Einen besonderen Anteil hatten hohe. 
rheinische Beamte, wie der Oberpräsident von Bodelschwingh, 
der Konsistorialpr äsident Bessel, der Konsistorialrat Groos und 
vor allem auch dessen Schwager, der General von Aster, der 
Reorganisator des preußischen Festungswesens, die beiden letz¬ 
teren innige Freunde von Eilers. 2 ) Dieser hatte selbst die Re¬ 
daktion in Händen und schrieb auch die meisten Artikel, wozu 
er sich das Material aus den Archiven holte oder von katholi¬ 
schen Freunden geben ließ. 3 ) Der Erfolg und der Einfluß dieser 


') Deutsche Blätter Heft 1, S. 3. 

*) Die Angabe Bachems (Die kathol. Presse Bd. I. S. 239), der Domdekan 
Pidoll und der Generalvikar Beck in Trier hätten an den .Deutschen Blättern* 
mitgewirkt, ist unrichtig. Beide lebten im XVIII. Jahrhundert. Es handelt sich 
hier nur um den Wiederabdruck einiger ihrer Schriften. 

*) Betrachtungen und Urteile des Generals v. Aster. Herausg. von G. Eilers, 
Saarbrücken 1858 Bd. I. S 90 f. 


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Zeitschrift auf breitere Schichten der rheinischen Bevölkerung ist 
fraglos ganz unbedeutend gewesen. 

Ebenso stand es um die Gründung des Febronianers J o s e p h 
Otto E 11 e n d o r f ,*) die Historisch-kirchenrecht- 
lichen Blätter für Deutschland. Sie erschienen 1839 
bis 42 dreizehn Hefte stark anfangs bei Reimer, später bei Dun- 
ker und Humblot in Berlin. Sie waren als Monatsschrift gedacht, 
erschienen aber von vornherein unregelmäßig. Ueber das Pro¬ 
gramm orientiert der erste Artikel des ersten Heftes: „Rechen¬ 
schaft über die Gründe, die mich bewogen, gegen die Münche¬ 
ner Histor.-polit. Blätter, gegen Görres etc. aufzutreten nebst 
einer Charakteristik jener Blätter und ihrer Partei.“ Von ihnen 
gilt im allgemeinen dasselbe wie von der vorher genannten Zeit¬ 
schrift. 

Das Los dieser staatskirchlich gesinnten Organe ist ein 
sprechendes Zeugnis für den Umschwung, der sich bei den Ka¬ 
tholiken seit dem Cölner Ereignis mehr und mehr geltend machte. 
Das Schicksal des Febronianismus und Josephinismus hatte sich, 
wenn auch noch nicht überall in der Praxis der Regierungen, so 
doch in der Theorie für die Mehrzahl der Katholiken erfüllt, die 
Partei der Kurialistcn gewann dagegen stetig an Boden. Im Fol¬ 
genden wollen wir die Haltung ihres hervorragendsten Organs 
in den vierziger Jahren näher untersuchen. 

*) Dr. jur., früher Rektor in Wiedenbrück i. W., Privatdozent in Berlin, dann 
privatisierend in Bonn, Münster etc., gestorben 1844. Vgl. Cramer, Bücher¬ 
kunde S. 182, auch Vogel, Beiträge S. 59 f. 


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Die staatstheoretischen Anschauungen. 
Wirtschafts- und Sozialpolitisches. 

„Diese Zeitschrift hat zunächstden Zweck, 
auf dem staatsrechtlichen und politischen 
Gebiete die revolutionäre wie die despotische 
Doktrin der falschen Staatsweisheit durch die 
Verkündigung derGrundsätze wahrer Freiheit 
und des Rechts zu bekämpfen“.') Mit diesen Worten 
haben die Gründer der Histor.-polit. Blätter ihr politisches Pro¬ 
gramm festgelegt und sie haben es stets nachdrücklich in ihrem 
Sinne verteidigt. Wenn wir es würdigen wollen, um dann zu 
zeigen, in welcher Weise sie es durchgeführt haben, so müssen 
wir zunächst untersuchen, was sie unter „falscher Staatsweisheit“ 
und „wahrer Freiheit“ verstanden wissen wollen. Wir werden 
sehen, daß die durchaus vorwiegende Richtung, die sich vor 
allem in Jarcke und Phillips verkörperte, nicht nur den „unchrist¬ 
lichen“ Ideen der Volkssouveränität, des Gesellschaftsvertrags usw. 
abhold ist, sondern auch der Forderung einer mit nennenswerten 
Befugnissen ausgestatteten Volksvertretung ablehnend gegen¬ 
über steht. Und Freiheit ist ihnen im wesentlichen Wahrung 
des Privatrechts und der Privatfreiheit vor der absolutistischen 
Einmischung des Staates, keineswegs aber aktive Teilnahme am 
Staatsleben, Mitbestimmungsrecht bei der Festsetzung der bürger¬ 
lichen Rechte und Pflichten. Wir können allerdings seit der 
Mitte der vierziger Jahre ein, wenn auch nur ganz geringes, 
Entgegenkommen gegenüber dem Konstitutionalismus beobachten, 
dem schon von vornherein einige wenigft Mitarbeiter verständnis¬ 
voller gegenüberstanden als Jarcke und seine Anhänger. Die 
Stimme von Josef Görres ist hier vernehmbar, seine freiheitlicheren 
Ideen heben sich deutlich ab von Jarckes ständisch-feudaler 
Richtung. Mit Görres’ Ansichten decken sich teilweise die einiger 
anderer Mitarbeiter, deren Persönlichkeit leider nicht festzustellen 
ist. Aber diese liberalen Meinungsäußerungen kommen in den 
Blättern nicht sonderlich zur Geltung, ja sie scheinen tatsächlich 
unterdrückt worden zu sein. 

Wir bemerkten schon oben, daß wir in den Histor.-polit. Blättern 
ein Organ der Lehren Hallers vor uns haben. Seine Ideen 
kommen also hauptsächlich durch die erste der eben angedeuteten 

') Ankündigung der Hist.-pol. Bl. 


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Richtungen, die ultra-konservativen Gegner des Repräsentativ¬ 
systems, zur Geltung. 

Es ist aber selbstverständlich, daß eine so rein theoretische 
Staatslehre wie die Hallers, wenn sie in ihrer vollen Konsequenz 
verfochten wurde, wie es Haller selbst bis an sein Lebensende 
tat, dem Verfechter selbst das beste Zeugnis der Unfähigkeit 
zu praktisch-politischer Betätigung ausstellen mußte. Und das 
zumal in einer Zeit, wo das Volk machtvoll und erfolgreich 
eine Beteiligung am Staatsleben erstrebte. Nicht rein und 
unverfälscht also durfte man die Lehren des „Restaurators“ der 
Staatswissenschaft verfechten, sie mußten vielmehr den tatsächlich 
vorhandenen politischen und sozialen Verhältnissen wenigstens 
einigermaßen angepaßt werden. Jarcke vor allem sah darin seine 
Hauptaufgabe. Seiner Staatsanschauung als der für die Blätter 
maßgebenden haben wir also unser besonderes Augenmerk 
zuzuwenden, wir werden dabei auch seine Abweichungen von 
Hallers Ansichten kurz berühren. 1 ) Es kann aber nicht unsere 
Aufgabe sein, eine erschöpfende Darstellung der Staatslehre 
Jarckes zu geben, zumal da wir bei dem vorliegenden Zweck, 
einer Untersuchung der Tendenz der Histor.-polit. Blätter, auch 
die Meinungsäußerungen seiner Gesinnungsfreunde damit ver¬ 
binden müssen. 2 ) Wir beschränken uns hier also im wesent¬ 
lichen auf die Hervorhebung der für die Blätter charakteristischen 
Punkte. Anschließend an die Schilderung der Ultrakonservativen 
werden wir dann Joseph Görres und die anderen liberalen 
Stimmen zu Worte kommen lassen. 

Volle Einmütigkeit herrscht in den Histor.-polit. Blättern 
unter allen Richtungen, Haller und Jarcke wie Görres, über den 
negativen Teil ihres Programms, die Bekämpfung des Gesell¬ 
schaftsvertrages. „Alle Obrigkeit und Autorität auf 
Erden beruht auf eigener, natürlicher Macht 
derer, die damitbekleidet sind.“ „DerKriegsanführer, 
um den sich kampflustige Genossen . . . wie der mit Gewalt 
von oben versehene Priester, um welchen sich lehr- und heils¬ 
begierige Seelen sammeln, . . . die Macht des Grundherrn in 
seinem Eigentum an Grund und Boden, worauf er seinen Hinter¬ 
sassen gegen Dienste und Abgaben Schutz und eine bleibende 
Stätte gewährt, . . . auf diese einfachen Anfänge und Elemente 
läßt sich jede fürstliche Herrschaft zurückführen, von der sich die 
Republik nur dadurch unterscheidet, daß sie eine Kollektivherr- 

') In den Hist.-pol. Bl. wird auch öfters auf Haller, Jarcke und Heinrich 
I.co als die für sic maßgebenden Staatstheorctiker hingewiesen, z. B. Bd II. 
S. 289, IV. S. 606, X. S. 7. Jarcke nannte selbst Haller .seinen verehrten 
Lehrer“ Bd. XIX. S. 142, 294. 

2 ) Auch ist ja der Anteil Jarckes an den Blättern keineswegs genau fest- 
zustcllen und noch viel weniger der der anderen Mitarbeiter (außer Görres.) 


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Schaft, nicht etwa aller in einem Lande lebenden Individuen, 
sondern einer . . . Anzahl unabhängiger Familienhäupter . . . 
ist. . . Sonach herrscht also der König nichtdes¬ 
halb, weil seine Untertanen ihm eine gewisse 
Machtfülle übertragen haben, was erweislich 
nie geschehen ist, sondern seine Untertanen 
gehorchen ihm, weil er kraft seines Besitzes 
an liegendenGründen und nutzbaren Rechten, 
kraft seines berühmten Namens und Ge¬ 
schlechts, kraft der großen Zahl und Menge 
seiner Diener, Gehilfen und Freunde von Hause 
aus nicht blos ein mächtiger,sondern auch ein 
unabhängiger Herr ist, der vielen befiehlt 
aber keinem irdischen Herrn gehorcht. 1 ) Das ist 
der reinste Ausdruck Hallerscher Denkweise, das sind die Grund¬ 
pfeiler der Staatsanschauung der Restauration; in den Blättern 
haben wir ein Organ vor uns, das sich die Verbreitung dieser 
Lehren als eines ihrer Hauptziele gesetzt hat. Es erübrigt sich 
weitere Belege dafür anzuführen, jede Seite fast atmet bitteren 
Haß gegen das angebliche „Naturrecht“ des 17.und 18. Jahrhunderts. 

Betrachten wir aber den positiven Aufbau der Staatslehre, 
so tritt uns gleich ein bedeutsamer Unterschied zwischen Haller 
und den Anhängern des Görreskreises entgegen. Er liegt zum 
Teil in dem religiösen Momente begründet. Schon in den Kreisen 
des Berliner Politischen Wochenblattes war es Haller übel ver¬ 
merkt worden, „daß er nicht tief genug gründe in seiner religi¬ 
ösen Grundlegung, daß er den lebendigen, persönlichen Gott 
zurücktreten lasse hinter der von Gott geschaffenen Natur.“-) 
Wieviel mehr mußte dieser Mangel an innerer Religiosität seiner 
Lehre 3 ) in jenem Kreise von Katholiken strengster Observanz 
empfunden werden, denen die Förderung des religiösen Lebens 
und die Verteidigung des katholischen Dogmas als vornehmste 
Aufgabe erschien! Zwar liegt auch für Haller letzten Endes die 
Ursache des Staates bei Gott als dem Schöpfer der Natur und 
nachdrücklich betont er stets, daß er in Gott die ursächliche 
Quelle des Rechts sehe. Aber bei der eigentlichen Bildung des 
Staates tritt ihm doch die Mitwirkung Gottes entschieden zurück, 
indem der Mächtigste zum Herrscher wird durch eine natürliche 
Notwendigkeit, ebenso wie auch der Herde das mächtigste und 
stärkste Tier als Führer voranschreilet. 4 ) Weiterhin trennt Haller 


') Hist.-pol. Bl. Bd. I. S. 231. Bei den Stellen von grundsätzlicher Bedeut¬ 
ung ist der Name des Autors vermerkt, sofern er fcstgestcllt werden konnte. 
*) Meinecke, Weltbürgertum u Nationalstaat. 2. A. 1 Ul 1 S. 232. 

3 ) Meinecke a a. O. S. 217. 

4 ) C. L. v Haller, Restauration der Stnatswissenschaft. Winterthur 1820 ff. 
2. A. Bd. I. S. 362. 


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48 


scharf ein Vergehen gegen die Gesetze der Religion und Moral 
von einem Verstoß gegen die von ihm selbt konstruierten, „natür¬ 
lichen“ Rechte des Fürsten, die zu wahren jedem sein eigenes 
Inte/esse gebiete. Er betrachtet überhaupt den Menschen einmal 
in außergeselligem und zweitens in geselligem Verhältnis. „Jeder 
Mensch hat aber als Staatsglied das Recht, in erster Linie für 
sein eigenes Interesse zu sorgen und nur für dieses; er darf 
dazu alle Mittel anwenden, die er will, solange er nicht gegen 
die Pflicht der Gerechtigkeit sich vergeht, d. h. so lange er nicht 
die Rechte eines anderen verletzt. 1 ) So hat auch der Fürst in 
erster Linie sein eigenes Interesse zu wahren und nur, soweit 
es ohne dessen Schädigung möglich ist, darf er sich der Pflichten 
der Nächstenliebe entledigen. Sie kommen dagegen rechtlich 
nicht zur Geltung 2 ) Anklänge an Macchiavellis Staatslehre sind 
hier nicht von der Hand zu weisen. 

Abweichend von dieser Theorie Hallers ist man in den 
Histor.-polit. Blättern der einhelligen Ansicht, daß die Bildung 
des Staates unmittelbar von Gott ausgehe, ein Gedanke, der, offen¬ 
bar den französischen Theokraten entlehnt, insbesondere von 
Jarcke gepflegt wurde. Gleichwohl zieht er so wenig wie irgend 
ein anderer seiner Freunde daraus die letzten Konsequenzen, 
die bei Aufhebung aller weltlichen Herrschaft in einer allge¬ 
meinen Theokratie des Papstes über die gesamte Christenheit 
liegen würden. 3 ) Rechte und Pflichten des Fürsten in Ausübung 
der Regierung sind bei ihnen identisch mit dem göttlichen Recht, 
„das Recht und die Freiheit entstehen unabhängig von der Staats¬ 
gewalt durch die Fügung Gottes.“ 4 ) Deshalb verurteilen sie 
auch den krassen Egoismus des Fürsten im Sinne Hallers, ja 
für sie bedeutet die Vernachlässigung der religiösen und mora¬ 
lischen Pflichten des Herrschers gegenüber seinen Untertanen 
geradezu den Ruin des Staates. Die selbständige Quelle des 
Rechts in dem Willen des jeweiligen Machthabers, also im „Rechte 
des Stärkeren“ zu suchen bei Leugnungjedes höhern, göttlichen 
Rechts lehnen sie ab. 5 ) 

Wie in Hallers „Restauration,“ 6 ) so wird auch in den Histor.- 
polit. Blättern stets die Monarchie als die natürliche und beste 
Staatsform gepriesen. Freilich „wäre es ganz falsch, zu glauben, 
daß die Kirche ihren Gläubigen den Gehorsam nur gegen die 
Könige dieser Welt und nicht auch gegen die republikanischen 

') Looser, Entwicklung und System der politischen Anschauungen Hallers. 
Berner Dissertation 1896. S. 37. 

2 ) a. a. O. S. 38. 

*) Wir werden später noch auf diesen Punkt zurückkommen. Vgl. Mold, 
Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften Bd. II. S. 588. 

4 ) Hist-pol. Bl. Bd. I. S. 311 (Jarcke.) 

5 ) a. a. O. Bd. IV. S. «95 f. (üörres.) 

“) Restauration der Staatswiss. Bd. VI. 10. 


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Obrigkeiten einschärfe.“ Aber wenn auch z. B. Nordamerika 
von Anfang an „der Republik verfallen war,“ so „müßte der 
Europäer seiner Vorzeit und den Begriffen von Ehre, ja seiner ... 
gesamten Eigentümlichkeit abschwören, wollte er jemals die fürst¬ 
liche Herrschaft als ein notwendiges Stück des ursprünglichen 
Gesamtlebens zu betrachten aufhören“. „Die europäische 
Staatsordnung verdankt ihre erste Gründung 
demdurch das Christentum gemilderten und 
gelenkten heroischen d. h. m o n arc h i s ch-ar i s to- 
kratischen Geiste der germanischen Völker.“ 1 ) 

Eine weitere Frage ist die: Welche Form der Monarchie 
hieltep die Politiker der Histor.-polit. Blätter für die beste? Der 
letzte Ausspruch gibt darauf schon z. T. die Antwort. Wir 
kommen damit zu dem wichtigsten Problem der praktischen 
Politik, um das sich die politischen Erörterungen des Vormärz 
im wesentlichen drehten. 

Haller hatte jeden Gedanken einer Vertretung des Volkes 
durchaus abgewiesen 2 ) und dem Fürsten nur gestattet, „nach 
freiem Belieben die Vertreter der drei Stände zu berufen; diese 
Berufung geschieht keineswegs aus Schuldigkeit . . . sondern 
nur aus Liebe und Zutrauen, wenn der König entweder ihre 
Hülfe anspricht oder selbst in Gegenständen, über die er von 
Rechts wegen gebieten könnte, sich mehr ihres guten Willens 
und freiwilligen Gehorsams versichern will.“ 3 ) Auch hatte er es 
dem Fürsten überlassen, w e n er berufen wolle und zu bestimmen, 
worüber zu verhandeln sei. Schließlich ist der Herrscher auch an die 
Beschlüsse der Stände gar nicht gebunden. 4 ) Diese extremen absoluti¬ 
stischen Grundsätze konnten die Münchener Politiker, wiewohl 
sie einem großen Teile von ihnen vielleicht als unerreichbares 
Ideal vorgeschwebt haben mögen, nicht öffentlich verteidigen, 
wollten sie sich nicht von vornherein jedes Einflusses auf die 
öffentliche politische Meinung begeben. Sie waren ja auch keines¬ 
wegs blind gegenüber den Strömungen der Zeit, sie sahen die 
zunehmende Tendenz zur Demokratisierung des Staatslebens; 6 ) 
„wir sind auf einem großen Wendepunkt der Zeiten angelangt,“ 
so sagt Jarcke 6 ), „die keinen absoluten Stillstand, sondern eine 
richtige Lenkung und Bewegung fordern.“ Ja, mit klarem Blick 
in die Zukunft verkündete er wie Görres u. A. immer und immer 
wieder das nahe Bevorstehen einer revolutionären Umwälzung, 
„die menschlichem Ermessen nach nur ein großer europäischer 

') Hist.-pol. Bl. Bd. II. S.- 62. 

Restauration der Staatswiss. Bd. II. S. 337, III. 322 u. öfters. 

’) a. a. O. Bd. III. S. 324. 

4 ) a. a. O. Bd. III. S. 326. 

5 ) Hist.-pol. BI. Bd. II. S. 72. 

•) a. a. O. Bd. Vlll. S. 718. 


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50 


Krieg, der die europäische Gesellschaft in ihren Fundamenten 
zerrütten würde,“ hinausschieben könnte. 1 ) Sie alle wußten, daß 
man dem Volke mehr Rechte werde einräumen müssen, wenn 
man schlimmeres Unheil verhüten wollte. Aber andererseits wollten 
sie auch nur langsam und schrittweise in den mehr oder minder 
absolutistischen Grundprinzipien ihrer politischen Anschauung 
zurückweichen. Ein zu großes Entgegenkommen, wie etwa z. B. 
der liberale Konstitutionalismus, so meinten die Einen, „könnte 
selbst bei denen, die dem Gesetz der Revolution . . . abhold 
sind, das bedenkliche Resultat erzeugen, daß ihnen die furcht¬ 
bare Krisis, die immer drohender gegen Europa heranzieht, als 
die Morgenröte einer bessern Zukunft erschiene, was dann 
begreiflicherweise nicht blos ihren Widerstand gegen Uebel, die 
vielleicht nicht unabwendbar sind, schwächen, sondern selbst ihr 
Herz jener Katastrophe zuwenden würde.“ Diese Worte sind 
typisch für den extrem doktrinären Geist, wie er sich in den 
Männern der Jarckeschen Richtung verkörperte. Mit vollem 
Bewußtsein kämpften sie gegen eine Zeitrichtung an, die sie 
doch selbst als übermächtig erkannt hatten, aber nicht alle Mit¬ 
glieder des Görreskreises gingen soweit, daß sie sich gegen den 
modernen Verfassungsstaat grundsätzlich ablehnend verhielten. 
Gleichwohl hatte dieser in der Münchener Schule keinen bedingungs¬ 
losen und wirklich begeisterten Anhänger. Man war also dort 
geteilter Meinung darüber, was man notgedrungen von 
dem liberalen Programm übernehmen solle. 

Der ultra-konservative Standpunkt Jarckes hat die Histor.- 
polit. Blätter bis zum Jahre 1848 beherrscht. Wir haben uns 
daher mit seiner ganzen Staatslehre hier etwas näher zu befassen. 2 ) 

Man kann Jarcke und seinen Anschauungen nicht gerecht 
werden, wenn man nicht seine tiefe Religiosität würdigt und 

') Hist.-polit. Bl. Bd. II. S. 64. Aehnlich Bd. XVII. S. 46 (Jarcke). 

2 ) Für Jarcke gelten in erster Linie die Ausführungen Spahns, Hochland 
Bd. VIII 1911 S. 427. „Es gehört zu den merkwürdigsten Fällen wissenschaft¬ 
licher Versäumnis, daß darüber noch niemand Aufschluß zu schaffen unter¬ 
nommen hat, welchen Verfassungsdoktrinen die in der katholischen Bewegung 
stehenden Publizisten . . . sich vorzugsweise zugewandt haben, aus welchen 
Quellen sie schöpften, wann sie sich zu ihnen hinneigten, wie weit sie sie 
annahmen und mit ihren kirchlichen Anschauungen verquickten." Diese kurzen 
Bemerkungen können als maßgeblich für die Methode der Forschung auf 
diesem Gebiete gelten; doch sind die bisherigen Untersuchungen über Jarcke 
noch nicht cindringend von diesem Standpunkt aus geführt worden. Am 
besten und ausführlichsten handelt noch über ihn Mohl, Geschichte und 
Literatur der Staatswissenschaften Bd. II. Erlangen 1856 S. 578 ff. Vgl. auch 
M. Spahn in dem oben angeführten Artikel „Jarcke* im Staatslexikon der 
Görres-Gesellschaft. Ferner G. Kaufmann, Geschichte Deutschlands im 19. 
Jahrhundert 1912 S. 213 ff. u. passim. Dock, Revolution u. Restauration über 
die Souveränität, Straßburg 1900, beschränkt sich im wesentlichen darauf, lange 
Auszüge aus Jarckes Schriften zu bringen. Vgl. das Urteil Meineckes: Welt¬ 
bürgertum 2. A.S. 216. 


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die ehrliche Ueberzeugung, daß in der katholischen Religion 
allein das Heil zu finden sei, und zwar nicht nur das Heil der 
Seele, sondern auch des leiblichen Menschen und damit zugleich 
des Staates. Jarcke ist eine der ausgeprägtesten Konvertiten¬ 
naturen, wie sie die Restaurationszeit in so großer Zahl hervor¬ 
brachte, die aus innerer Ueberzeugung einer Konfession den 
Rücken kehrten, welche den starren dogmatischen Zwang, die 
strenge hierarchische Gliederung, ja das ganze Autoritätsprinzip 
ihrer Ansicht nach ins Wanken gebracht hatte. Denn „der 
Protestantismus erkennt seiner Natur nach keine Autorität an,“ 
so meinte Jarcke. 1 ) Und er sagt seinen Freunden damit nicht 
etwas Neues, er verkündet mit diesen Worten in der ihm eigenen, 
schroffen Form nur eine für die katholischen Romantiker fast 
allgemein gültige Wahrheit. Im Schoße der katholischen Kirche 
glaubten sie die volle Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse 
und zugleich eine feste Grundlage für ihr gemeinsames Staats¬ 
system zu finden, wie es Haller klassisch formuliert hatte. Dieser 
selbst war zweifellos großen Teils durch seine politischen 
Betrachtungen zur katholischen Kirche hingeführt worden, denn 
„er spürte bald, daß dieser Bundesgenosse mächtigere Waffen 
führe als er selbst.“ 2 ) Anders Jarcke. Er konvertierte als 
Vierundzwanzigjähriger, der, fern von aller politischen Betätigung 
und jeglichen staatstheoretischen Erwägungen fremd, ausschließlich 
in der Kriminalistik das Feld seiner* Betätigung gefunden hatte. 
Ihm war die Hingebung an die katholische Kirche Herzenssache 3 ) 
und so blieb es auch, als er sich der Politik zugewandt hatte. 
Er sah in der „Reformation“ einmal den Keim aller politischen 
Verirrung, ein Gedanke, dem er, wie auch mancher andere Mit¬ 
arbeiter, in den Histor.-polit. Blättern weitesten Raum lieh. „Wir 
werden nicht verschweigen,“ so bemerkte er programmatisch 
gleich im ersten Heft, 4 ) „wie die Glaubensspaltung selbst die 
Wurzel und Mutter jener unvermeidlichen Konsequenzen der 
Revolution und des Absolutismus war, unter deren gewaltsamem 
H in- und Herzerren der Botlen, aub dem das europäische Staats¬ 
gebäude ruht, zusammenzubrechen droht.“ In dieser Auffassung 
stimmte ihm nun freilich auch Haller bei. Gewiß, auch ihm 
galt die Reformation als der Keim des Uebels, aber doch eigentlich 
nur insofern, als bei jenen Neuerern aus dem von ihnen zu 
Ehren gebrachten Prinzip der geistigen und politischen Freiheit 
jene revolutionären Staatslehren entstanden waren, die er selbst 

') Hist.-polit- Bl. Bd. XVII. S. 37. 

*) Meinecke, Weltbürgertum S. 227. Wir verweisen hier auch auf das oben 
über Haller Gesagte. Bedeutsam für die Beurteilung der Religiosität Hallers 
scheint uns auch die Tatsache zu sein, daß er seine Konversion anfangs verschwieg, 
um seinem Werk einen bessern Erfolg zu sichern. 

3 ) Vgl. die o. S. 22 angef. Worte des sterbenden J. 

4 ) Bd. 1. S. 46. 


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zu bekämpfen suchte, indem er ihnen ein neues wissenschaft¬ 
liches System entgenstellte. Ihn kümmerte es dagegen 
wenig, daß sich die Reformatoren und ihre Anhänger nach der 
Kirchenlehre an Gott, der Kirche und ihren Dogmen (soweit sie 
nicht auf das staatliche Leben von Einfluß waren) versündigt 
und die Gnade des Himmels verscherzt hatten. Jarcke ging der 
Sache tiefer auf den Grund und war konsequenter in seiner Denkweise, 
und dabei zeigte sich so recht seine religiöse Gesinnung. Diese 
Grundstimmung tritt auch in allen seinen politischen Betrachtungen 
in ganz auffallender Weise zu Tage, indem er mehr im Tone 
eines Beichtvaters oder Predigers als eines politischen Schrift¬ 
stellers immer wieder die Rückkehr zur römischen Kirche und 
die Befolgung ihrer Gebote als die Grundbedingung aller 
politischen und sozialen Erneuerung hinstellt. „Die falsche 
politische Wissenschaft ist entstanden aus den bösen Gelüsten 
der Menschen, aus der Abkehr von Gott, und mit einer bloßen 
Restauration der Wissenschaft vom Staate die Freiheit vor 
dem Staatsabsolutismus zu retten, war eine unlösbare Aufgabe, 
und der siegreiche Kampf gegen die falschen Vorstellungen von 
der Entstehung und Gliederung des Staates konnte den Willen 
und die Taten der Menschen nicht bessern, wer dagegen 
mit Gott und demgemäß mit der Kirche im Reinen 
ist , . ., w i r d selbst ohne die wahre Staatslehre 
nicht leicht irre gehlen.“ 1 ) Mit diesen Worten wendet 
sich Jarcke ausdrücklich gegen Haller. Und nicht er allein. 
Diese Auffassung war überhaupt für die Blätter maßgeblich. 8 ) 

Die natürliche Folge war, daß sich Jarcke mehr und mehr 
von seinen Berliner Freunden trennte, mit denen er einst 
gemeinsam die Revolution bekämpft hatte. Damals schien es 
den orthodoxen Protestanten wie Hengstenberg und Otto Gerlach 
bedenklich, mit den Katholiken gemeinsame politische Arbeit zu 
machen. Aber nicht etwa ihr einseitig katholischer Standpunkt 
schrecken sie davon ab, sondern inj. Gegenteil, „weil sie (Jarcke 
und Radowitz) nicht christlich genug sind.“ 3 ) Und Leopold 
Gerlach glaubte, daß beide „in ihrem Papismus nicht so sicher 
seien als Gregor VII. und Bonifaz VIII., und wer weiß, ob wir 
sie nicht durch die Wahrheit gewinnen.“ 4 ) In dieser Hoffnung 
sollten sie nun freilich bitter getäuscht werden. Es ist zwar 
möglich, ja wahrscheinlich, daß sich Jarcke damals noch nicht 
alle Einzelheiten des dogmatischen Lehrgebäudes der katholischen 


‘) Hist.-pol. Bl. Bd. XIX S. 137. 

*) Vgl. Jarcke: a. a. O. Bd. XII S. 646, XV573, XVII 650, Andere: V 584, 
VIII 620 f. etc. 

®) Bachmann, E. W. Hengstenberg, Bd. II. Gütersloh 1879 S. 302: Ludw. 
Gerlach an Hengstenberg. 

*) a. a. O. S. 300: Leop. an Ludw. Gerlach. 


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Kirche in ihrem ganzen Umfange mit voller Klarheit zu eigen 
gemacht hatte, seine religiöse Gesinnung und Veranlagung 
haben aber seine Berliner Freunde damals jedenfalls völlig 
verkannt. Einen mächtigen Impuls, vor allem aber den kon¬ 
fessionellen Einschlag erhielten seine religiösen Empfindungen 
allerdings ganz unerwartet durch das Cölner Ereignis. Die 
Trennung der konservativen Elemente, die sich äußerlich in der 
Gründung der Histor.-polit. Blätter dokumentierte, suchte er mit 
Phillips und seinen Gesinnungsgenossen nun durch Hervorkehrung 
des strengsten Kirchentums und die dadurch gegebene und 
im Prinzip schroff durchgeführte Ablehnung einer politischen 
Allianz mit Andersgläubigen in seinem Organ wach zu halten. 
Besonders scharf trat dieser Grundsatz gelegentlich einer Fehde 
mit Victor Aimd Huber hervor. Ihn, den Konservativen, der in 
religiöser Beziehung durchaus irenisch veranlagt war, griffen die 
Blätter derart an,') daß auch er jede Hoffnung auf Einigung 
aufgab. Radowitz, der trotz seiner Trennung vom Wochenblatte 
auch weiterhin für ein Zusammengehen der Konservativen beider 
Konfessionen eingetreten war, charakterisiert die Blätter im Hin¬ 
blick auf diese ihre Haltung in den „Gesprächen aus der 
Gegenwart“ durch den Pietisten Arneberg mit den Worten: 
„jenes im Hasse wie im Talente gleich merkwürdige Blatt,“ 2 ) 
und trotzdem gehört ihm Jarcke, den er als Hauptförderer dieser 
ihm höchst unerwünschten Politik erkennt, „zu den scharfblickend¬ 
sten und geistvollsten Politikern, die Deutschland jetzt besitzt* 3 ) 
Und charakteristisch ist wiederum, was Jarcke seinem Berliner 
Freunde auf die oben genannte Schrift erwidert: „Gerade über 
die Elemente der Politik können wir uns nicht verständigen, 
ohne unser Verhältnis zu Gott zur Sprache zu bringen . . . 
Was würde es fruchten, wollten wir uns auch eine Zeit lang 
gegenseitig in die Täuschung wiegen, wir seien auf dem 
weltlichen Gebiete eins, während wir uns sorgfältig hüten müßten, 
den tiefsten Grund unserer Ueberzeugung auch nur von ferne 


*) Die hier in Betracht kommenden publizistischen Erzeugnisse sind folgende: 
Zuerst veröffentlichte Huber 1841 die Schrift .Ueber die Elemente, die Möglich¬ 
keit oder Notwendigkeit einer konservativen Partei.“ Darauf antworteten die 
Bl. (wahrsch. Jarcke) Bd. VIII S. 705, es folgte eine Entgegnung Hubers: „Die 
Opposition" Halle 1842, worauf in den Bl. wiederum derselbe Verf. wie vor¬ 
her, also Jarcke, antwortete: Bd XI S. 457. Huber wurde nun auch heftiger 
und ließ die Schrift los: .Was wollen eigentlich die Münchener Hist.-pol. 
Blätter?“ Leipzig 1843. Daraufhin trat Görres auf den Plan mit einer kurzen 
Antwort: Bd. XII S. 320 (s. weiter unten.) Eine Folge dieser Polemik sind wohl 
auch die wahrscheinlich von Jarcke stammenden Artikel Bd. XIII S. 73, 289 ff. 
Vgl. über die Frage auch: Elvers, V. A. Huber Bd. II S. 114 Bremen 1874. 

*) (Radowitz) Gespräche aus der Gegenwart über Staat u. Kirche. Neue 
Ausgabe Stuttgart 1847 S. 303. 

*) (Radowitz) a. a. O. S. 304 f. 


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zu berühren.“ 1 ) Die innere Geschichte des Politischen Wochen¬ 
blattes schwebt ihm als Beweis für die Richtigkeit seiner Auf¬ 
fassung vor. 

Aber so wenig Jarcke und mit ihm die Histor.-polit. Blätter 
überhaupt in theoretischen Prinzipienfragen wie auch in unbedingt 
gemeinsamer praktischer Betätigung mit dem protestantischen 
Konservatismus sich glaubten einigen zu können, so schreckten 
sie doch auch nie davor zurück, in gewissen Einzelfällen mit 
Andersgläubigen Hand in Hand zu gehen, wenn sie sich davon 
eine besondere Förderung der katholischen Interessen ver¬ 
sprachen. 2 ) Seit der Mitte der vierziger Jahre, dem Auftreten 
Konges und Czerskis, dem Wachsen der antiklerikalen Bestrebungen 
in der Schweiz und seit die preußische Verfassungsfrage mehr 
und mehr akut wurde, traten diese Wünsche noch stärker 
hervor. Treffend charakterisiert Kaufmann 3 ) das Verhältnis der 
Münchener zu den Berliner Konservativen: Auch nach 1838 noch 
„behielten die sophistischen Lehren und die in Schlagworten 
gipfelnden historisch-politischen Anekdoten, in denen Jarcke seine 
politische Weisheit zusammenzufassen liebte, ihre Wirkung auf 
die Berliner Kreise. Die an sich ganz unvereinbaren Elemente: 
fürstlicher Absolutismus, klerikale Herrschsucht und die Ansprüche 
der Junker, suchten aneinander Unterstützung und fanden sich 
immer wieder zusammen weil sie sich von dem starken Strom 
der Zeit von dem durch die Veränderung der Gesellschaft uner¬ 
bittlich geforderten Reformen in gleicher Weise bedroht fühlten.“ 
Aus der bisherigen Schilderung von Jarckes Denkart geht 
hervor, daß er von einer tief religiösen Weltanschauung durch¬ 
drungen war. Er ist es'vor allem, der die Mitwirkung Gottes 
bei der Begründung des Staates als wesentlichen Faktor betont. 
„Recht und Freiheit kommen nur direkt von Gott, unabhängig 
von der Staatsgewalt, welche nur die Pflicht hat, diese zu wahren.“ 4 ) 
Der Wille Gottes ist in jedem Falle die Regel und das Gesetz 
der WeH.“ 5 ) Dieser göttliche Wille äußert sich aber auf zwei 
Arten: Erstens „als physisches (geschichtliches) Gesetz, wo es 
mit Notwendigkeit wirkt,“ das ist die Natur, zweitens «als ein 
in der menschlichen Freiheit gegebenes sittliches Gebot.“ Ohne 
also das Prinzip der Hallerschen Naturwüchsigkeit aufzugeben, 
fügt er die Tätigkeit des freien menschlichen Willens innerhalb 
der von Gott vorgezeichneten Schranken als ein besonders 
wichtiges Agens bei der Ausgestaltung des Staates hinzu. Da- 

') Hist.-pol. Bl. Bd. XVII S. 762. 

*) Vgl. Hist.-pol. Bl. Bd. XVII. S. 763 (Jarcke). Bd. XX. S. 646. 

*) Q. Kaufmann, Geschichte Deutschlands im 19. Jhd. Berlin 1912 S. 216. 
Auf die Stellung der Blätter zu den Protestanten werden wir später noch zu¬ 
rückkommen. 

4) Hist.-pol. Bl. Bd. I. S. 811. (Jarcke). 

5 ) Hist-pol. Bl. Bd. XIII. S. 481. (Jarcke). 


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mit erkannte er auch die Möglichkeit, ja Notwendigkeit, einer 
Entwicklung des staatlichen Lebens nach den verschiedensten 
Richtungen an. „Rechtskunde und Politik müssen, soweit Recht 
und Staat unter dem Gesetz der Zeit stehen, und der Veränder¬ 
ung unterworfen sind, notwendig und unerläßlich historisch be¬ 
handelt werden. Diese genetische Methode (die mit ihrem Zerr¬ 
bild, der pedantischen, unpraktischen, blos antiquarischen ge¬ 
dankenlosen Liebhaberei an Rechtsaltertümern, wie sie der 
sogenannten historischen Schule eigen ist, nicht verwechselt 
werden darf, 1 ) ist ein wahrer Fortschritt der neuen Zeit.“*) Da¬ 
mit zeigt Jarcke eine merkliche Loslösung von dem einseitigen 
Standpunkt der Wochenblattspartei. Da wollte man einfach gar 
nichts wissen von einer historischen Würdigung, von einer An¬ 
erkennung des Entwicklungsgedankens, ln der übertriebenen 
Aengstlichkeit des beschränkten Orthodoxismus und Pietismus 
witterte man da gleich den Pantheismus. 3 ) Aber auch Jarcke 
kann diesen Gedanken noch nicht ganz los werden. „Einseitig 
und abstrakt verfolgt, führt diese Richtung ohne Rettung zu jenem 
unsittlichen Pantheismus, welcher, wie er alles gesunde Denken 
tötet, jedem wahren sittlichen Gefühl absagt. Wir sollen inmitten 
der Veränderung das Beharrende, im Wechsel das Ewige, im 
Relativen das Absolute, in der Erscheinung das Gesetz erkennen 
lernen.“ 4 ) Er legt sich also selbst Schranken auf in der Aner¬ 
kennung einer Entwicklungsmöglichkeit des Staates, die, wie wir 
sehen werden, für sein Staatssystem von großer Bedeutung sind. 

Aber seine Zugeständnisse an den Entwicklungsgedanken 
führten doch vor allem dazu, daß er den Aufbau des Staats¬ 
systems Hallers nicht anerkennen konnte. Dieser stellte die 
vier Arten von Staaten, nämlich dreierlei Monarchien: Patrimo- 
nial-, Priester- und Kriegerstaat sowie die Republik nebenein¬ 
ander. Jeder dieser Staaten stellte einen Typ dar, der durch 
die jeweils vorhandenen Verhältnisse entstanden, bei dem aber 
jede weitere Entwicklung ausgeschlossen ist. Dem tritt Jarcke 
entgegen, ln Anlehnung an Heinrich Leos Naturlehre des 
Staates 6 ) und, wie eben gezeigt, an die historische Schule ändert 
er Hallers Lehre ab. 


*) Diese Aussetzungen an der historischen Schule zeigen, daß er doch im 
Grunde mit ihr übereinstimmt. 

®) Hist.-pol. Bl. Bd. XIII. S. 481 (Jarcke). 

*) Meinecke, Weltbürgertum S. 236 f. 

4 ) Hist.-pol. BI. a. a. O. 

5 j Erschienen in Halle 1833. Vgl. dazu Kraegelin, H. Leo, I. Teil Leipzig 
1908. S. 102 ff. Leo pflegte in Berlin mit Jarcke und Phillips intime Freund¬ 
schaft a. a. O. S. 84. Vgl. auch Mohl, Gesch. u. Lit. d. Staatswiss. Bd. II. S. 
582. Die Zusammenhänge mit Leo sollen hier nicht näher untersucht werden, 
wir beschränken uns auf eine kurze Skizzierung der Gedanken Jarckes, vgl. 
dazu besonders Hist-pol. Bl. Bd. IV. S. 605 ff. 


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Die Elemente des Staates sind Leib, Seele, Geist. Das leib¬ 
liche Element, der Besitz, bildet das Verhältnis zur Erde, das 
geistige Element, der Glaube, das Verhältnis zu Gott, die Seele 
endlich, das Recht und die Sitte, bildet das Verhältnis der Men¬ 
schen zu sich selbst und zu den Mitmenschen. Diese Elemente 
sind mit einem gewissen Ebenmaß in jedem Staate vereint. Da 
der Geist oder Glaube das Bestimmende, Bildende ist, so wird 
die Religion eines Volkes das erste und ursprünglich erzeugende 
und gestaltende Element oder Prinzip seiner Sozialform sein. 
Es gibt aber nur eine wahre Religion (sc. die christ-katholische). 
Der Besitz ist das zweite, mitbildende Element. Wahrer, rechter 
Besitz ist aber nur der Besitz der Erde und ihrer Produkte, 
das Geld hingegen ist „ein falscher, fiktiver Besitz.“ Die Seele, 
das dritte Element des Staates, „der Wille, die Neigung, die Kraft 
des Soziallebens“ entsteht aus der Verbindung der beiden ersten 
Elemente. Die einzig wahre und richtige „Seele,“ das wahre 
Sozialverhältnis aber kann folgerichtig nur aus der Verbindung 
der beiden einzig wahren, vorher aufgezeigten Elemente, katholi¬ 
sche Religion und Grundbesitz, entstehen. Aus diesen Elemen¬ 
ten also bildet sich der Staat derart, daß zuerst im patriarchali¬ 
schen Zustande der Hausvater zugleich Priester und König ist. 
Erweitert sich der Staat, so wird er nur noch durch den ge¬ 
meinsamen Glauben zusammengehalten, es entsteht der Priester¬ 
staat. Lockert sich dann auch das Band des Geistes, so wird 
ein äußeres Band nötiger: Es entsteht der Kriegerstaat. Eine 
normale, vollständige Ausbildung der Gesellschaft zeigt aber erst 
das christlich-germanische Staatswesen des Mittelalters. Hier 
stehen diejenigen, welche sich im Laufe der Entwicklung in der 
Herrschaft abgelöst haben: Der Priesterstand, das Element des 
Glaubens, der Kriegerstand oder Adel, das Element der Seele, 
d. h. also des Rechts, der Sitte, der nationalen Ehre verkörpernd, 
„gleichmäßig entwickelt neben und nach einander in ihrem rich¬ 
tigen Zeit- und Dignitätsverhältnis und bedingen, ergänzen und 
durchdringen sich gegenseitig,“ ruhend auf der leiblichen Basis 
des realen Grundbesitzes resp. seiner Produktionsweisen: Acker¬ 
bau und Viehzucht, die der dritte, dienende Bürgerstand ver¬ 
körpert. 

Trotzdem Jarcke also im Prinzip für eine Anerkennung der 
staatlichen Entwicklung eingetreten war, mußte er doch im ent¬ 
scheidenden Augenblick stehen bleiben, er mußte sich selbst un¬ 
treu werden, um nicht gezwungen zu sein, die Ergebnisse der 
neuzeitlichen Staatslehren anzunehmen. Das mittelalterlich 
ständisch-feudale System bleibt ihm der Idealstaat, wie sehr er 
sich auch immer dagegen wehrt, einen solchen überhaupt 
anzuerkennen. Versteigt er sich doch bei der oben schon her¬ 
vorgehobenen Betonung des religiösen Moments zu dem Aus- 


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spruch: „Das Christentum überläßt die Staatsformen ihrer eigenen 
. . . unendlich mannigfaltigen Entwicklung und beschränkt sich 
darauf, den Staat mit Gerechtigkeit und Liebe zu durchdringen. 
Wo diese walten, finden sich auch echte Freiheit und wahres 
Wohlsein von selbst. Die Staatsform ist dabei gleichgültig.“ 1 ) 
Doch derartige Inkonsequenzen können uns an seinen wahren 
politischen Wünschen nicht irre machen. Sie sind ihm gar nicht 
ernst gemeint, vielmehr glaubt er sich dadurch wohl vor dem 
Vorwurf, als sei er ein Reaktionär, retten zu können. 

Sind also in der Praxis die Fortschritte gegenüber Haller 
nicht so erheblich, wie man aus den ersten prinzipiellen Aeußer- 
ungen schließen könnte, so macht er doch Zugeständnisse, die 
nicht ganz ohne Bedeutung sind. 8 ) 

Die Grenzen, welche Jarcke der Wirksamkeit des Staates 
zieht, sind sehr eng, immerhin aber nicht so beschränkt, 
wie es bei Haller der Fall war. Jarcke erblickt in zwei Extremen 
das Endergebnis der falschen Staatslehre. Das „absolutistisch¬ 
revolutionäre“ System, wie es im klassischen Altertum schon 
bestand, dann in Hobbes’ Leviathan und in Hegels alles um¬ 
fassendem Staat wieder erneuert wurde, „der Moloch Staat,“ der 
alle Rechts- und Lebenssphären des Menschen in sich aufnimmt, 
ist das schlimmste Produkt der „pseudophilosophischen“ Staats¬ 
lehre, vor allem deshalb, weil in ihm keine freie und selbständige 
Kirche bestehen kann; beruht doch nach seiner innigsten Ueber- 
zeugung alles und jedes, was wir in unserem modernen Staats¬ 
leben in irgend einer Sphäre oder Abstufung «Freiheit» nennen, 
auf jener Sonderung von Kirche und Staat, auf jenem Gegensatz 
von geistlich und weltlich, der mit dem Christentum zuerst ins 
Leben trat.“ 3 ) Aber Privatfreiheit gibt es eben in einem solchen 
Staate überhaupt nicht; denn „das höchste allgemeine Wohl in 
seinem ausgedehntesten Umfange gilt als der allein vernunftge¬ 
mäße St.aatszweck,“ zu dessen Erreichung der Regierung 
eine Gewalt eingeräumt wird, „welcher gegenüber es keine Be¬ 
rufung auf Recht und Freiheit gibt,“ es gelten „Omnipotenz und 
schrankenloser Absolutismus der mit dem Staatszweck bewaffneten 
Gewalt.“ 4 ) Ein jeder hat hier das Recht, sein Glück vom Staate 
zu verlangen. Die natürliche Folge ist „allgemeine, nimmersatte 


.') Hist.-pol. Bl. Bd. XII. S. 646 vgl. auch Bd. XIX S. 290 f. 

*) Die Auseinandersetzung mit Haller zieht sich durch die ersten zehn 
Jahrgänge der Blätter, indem Haller entweder ausdrücklich genannt, oder doch 
deutlich auf seine Lehre hingewiesen wird. Am wichtigsten sind hier Jarckes 
Besprechungen der .Gespräche aus der Gegenwart“ von Radowitz. Beider 
rein politische Ansichten stimmen fast völlig überein. Sie blieben übrigens 
auch noch in enger Verbindung, als Jarckes Absage an die Berliner Richtung 
schon in aller Schärfe hervorgetreten war. 

3 ) Hist.-pol. Bl. Bd. XIX. S. 138. 

4) Hist.-pol. Bl. Bd. XIX. S. 135. 


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Unzufriedenheit, die furchtbarste Mutter aller Revolutionen,“ kurz, 
„an der Kette der Konsequenzen des absolutistischen Staats¬ 
glückseligkeitszweckes hängt zunächst der Bundschuh des radi¬ 
kalen Kommunismus.“ 1 ) Der Bekämpfung dieses Staatssystems 
hat sich Jarcke zeitlebens mit größter Energie gewidmet. Wir 
dürfen aber seine Anschauungen durchaus nicht dahin deuten, 
als wenn er überhaupt ein Gegner der absoluten, unbeschränkten 
Monarchie gewesen wäre. Er bekämpft vielmehr nur den Be¬ 
amtenabsolutismus, die Beamtenwillkür, insbesondere auch das, 
was ihm am Staate Hegels als vorzügliches Merkmal gilt, seine 
Aufsaugung und Verkörperung jeglicher höheren Zweckbestimm¬ 
ung, d. h. die Vernichtung der freien selbständigen Kirche, durch 
welche die Bureaukratie ihre Macht gefährdet sieht. Nie dagegen, 
oder doch nur äußerst selten, ist es ihm beigekommen, dem 
Fürsten wegen gewisser Regierungshandlungen Vorwürfe zu 
machen und ihn zur Verantwortung zu ziehen *) Seine Angriffe 
richten sich, sobald sie eine bestimmtere Form annehmen, gegen 
Preußen, wo das System Hegels am ausdrücklichsten eine offi¬ 
zielle Annahme gefunden habe. 

Dies eine Extrem staatlicher Herrschaftsbefugnisse hat auch 
Haller nachdrücklich bekämpft, aber ohne zu einer Lösung des 
Problems zu kommen, wie Jarcke selbst einsieht. Er verfällt 
vielmehr in das andere Extrem, denn bei ihm hat sich „der ge¬ 
rechte und wohlbegründete Widerspruch gegen den revolutionären 
Staatsabsolutismus zu einer Freiheitstheorie gestaltet, welche, ge¬ 
nau genommen, die Staatsidee völlig leugnet.“ 3 ) Er hat „dem 
Absolutismus des Gemeinwohls einen Absolutismus des Privat¬ 
rechts gegenübergestellt.“ Wie sehr Jarcke auch immer wieder 
sein g r u n d s ä tz I i che s Einvernehmen mit seinem Meister 
betont, soweit kann er nicht gehen, daß er wie jener „die Vor¬ 
stellung, daß alle Einwohner des Landes . . . tatsächlich in 
mancher Hinsicht eine große Gemeinschaft bilden und Freude 
und Leid miteinander teilen müssen, als die eigentliche Wurzel 
alles politischen Uebels seit den letzten sechzig Jahren bekämpft“ 4 ) 
Aber auch über einen anderen Fall des in die Praxis umge¬ 
setzten Hallerschen Staates will sich Jarcke nicht hinwegtäuschen, 
wenn nämlich der Fürst, die Gebote der Kirche vernachlässigend, 
die ihm zur Verfügung stehenden Machtmittel in erpresserischer 
Weise mißbraucht und so zum Despoten seiner Untertanen 
wird. 6 ) Insofern berührt sich dann das Extrem des Hallerschen 


') Bd. XIX. S. 141. 

*) Vgl. z. B. Hist.-pol. Bl. Bd. II. S. 562, IV. 393. 
») Bd. XIX. S. 142. 

4 ) a. a. O. 

®) a. a. O. S. 296. 


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Staates eng mit dem erstgenannten, dem „revolutionär-absolu¬ 
tistischen.“ 

Jarcke geht also andere Wege, 1 ) er muß sie gehen, nicht 
nur weil er weiß, daß der Idealismus des Hallerschen Fürsten 
in der Regel nicht realisierbar ist, sondern auch, weil die konse¬ 
quente Durchführung seiner Gedanken heute nicht mehr mög¬ 
lich ist. „Unser Prinzip von der unantastbaren Heiligkeit jedes 
Privatrechts ist wahr und richtig,“ so gesteht er offen, 2 ) „aber 
die Politik ist keine mathematische Wissenschaft, . . die p Tak¬ 
tische Politik lebt von der Ausnahme. Deshalb 
gilt es, „den unwiderleglich richtigen Grundgedanken Hallers 
mit den Ansprüchen des praktischen Lebens zu versöhnen.“ 
Der Staatszweck, die Notwendigkeit staat¬ 
licher Sorge für das Gemeinwohl, darf nicht 
mehr geleugnet werden „in einer Zeit, die der uneigen¬ 
nützigen, aufbauenden, sich selbst verleugnenden Wirksamkeit 
für das Allgemeine in hohem Grade unfähig geworden, fast nur 
noch für zerstörende Tendenzen schwärmt.“ „Wi r 3 ) bedürfen 
dieser Sorge der Staatsgewalt für das Gemeinwohl, w i r fordern 
sie und rühmen es, wenn sie unsern Wünschen entgegenkommt, 
wir vermissen sie schmerzlich, wenn sie auf sich warten läßt.“ 
Auf eine richtige Begrenzung der staatlichen Einmischung ist 
aber ein besonderes Augenmerk zu richten und wenn das ge¬ 
schieht, so will er den scholastischen Begriff des „bonuin 
commune“ als Staatszweck gelten lassen, „. . . wenn nur dabei 
nicht außer acht gelassen wird, daß gerade das Wohl aller es 
fordert, daß jeder in seinem guten Recht geschützt und erhalten 
werde.“ Er beschränkt den Staat keineswegs auf das Nacht¬ 
wächter-Ideal, vielmehr darf er „über die Pflicht des zu ge¬ 
währenden Rechtsschutzes hinaus nach bestem Vermögen An¬ 
stalten zur Beförderung des Wohles der Untertanen schaffen, . . 
sobald er sich innerhalb der Schranken hält, welche Gerechtig¬ 
keit, Billigkeit, verständige Rücksicht auf die Natur der Dinge 
ihm gesetzt haben. 4 ) Daraus entsteht naturgemäß die Frage, ob 
um des allgemeinen Besten willen dem Einzelnen zugemutet 
werden könne, sein Recht zum Opfer zu bringen.“ Auch darauf 
antwortet Jarcke entschieden mit ja. Hier tritt, wie er sagt, mit 
Recht der Fall der „lex Rhodia de iactu“ ein, „mir scheint in 
solchen Fällen die Notwehr gegen einen Unschuldigen vorzu¬ 
liegen, nur muß die seltene Ausnahme im Staatsrechte nicht zur 
Regel gemacht . . . das Notrecht niemals mißbraucht werden.“ 
Der Fortschritt, der sich in diesem Standpunkt gegenüber 

') Ebenso Heinrich Leo vgl. Kracgelin, H. Leo S. 103 

*) Hist.-pol. BI. Bd. XIX. S. 143 f. 

3 ) Von jarcke gesperrt! 

4 ) Hi.st.-pol. BL Bd. XIX. S. 145. 

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Haller kund gibt, ist unverkennbar. Schon als Mitarbeiter des 
Berliner Politischen Wochenblattes hatte sich Jarcke durch eine 
derartige Annäherung an den modernen Staatsgedanken und 
die Anerkennung allgemeiner Staatsnotwendigkeiten ausgezeich¬ 
net. 1 ) Es ist nur zu natürlich, daß sie jetzt, wo er die Krise in 
Preußen wie in Oesterreich und ganz Europa immer schneller 
sich nähern sah, noch deutlicher hervortrat 2 ) 

„Wer soll nun über das Vorhandensein der wirklichen Not 
entscheiden?“ „Wer soll das Maß der Staatsbedürfnisse fest¬ 
setzen?“ „Welchen Schutz gibt es gegen Mißbrauch dieser 
jedenfalls diskretionären Gewalt?' 1 Auch zu diesen Fragen 
mußte Jarcke nun Stellung nehmen. Wir kommen damit wieder 
auf das Problem zurück, von dem wir ausgingen, um die 
Ansichten Jarckes näher zu charakterisieren und in dem, wie 
wir bemerkten, der Zwiespalt der Anschauungen in den Histor.- 
polit. Blättern besonders in die Erscheinung tritt. 

Um zunächst noch bei Jarcke zu bleiben, so haben wir 
in ihm den entschiedensten Gegner der Ansicht vor uns, daß 
das Volk seinen Willen und seine Meinung selbst in die Tat um¬ 
zusetzen, an seinem eigenen Schicksal einen aktiven, mitbe¬ 
stimmenden Anteil zu nehmen, das Recht habe. Konstitutionalismus 
und Volksvertretung sind ihm ein Greuel. „Die Selbstregierung 
und Selbstbesteuerung unserer Repräsentativstaaten ist eine plumpe 
und augenfällige Täuschung.“ 3 ) Zum Beweise dient ihm das 
damalige französische Wahlrecht, das an einen sehr hohen Census 
geknüpft war, sodaß in der Tat „die Gesamtheit, mit Ausnahme 
einer kleinen Zahl von Privilegierten, Steuern zahlen, und alle 
Lasten tragen muß, ohne daß sie gefragt wird.“ Dabei kam es 
ihm freilich gar nicht in den Sinn, sich mit dem allgemeinen, 
gleichen Wahlrecht auseinanderzusetzen, die Gründe seiner 
Ablehnung liegen in Wirklichkeit tiefer. Einmal ist es die 
Ansicht, daß sich der moderne Repräsentativstaat im Gegensatz 
zum Ständestaat, der aus dem fürstlichen Patrimonialstaat 
hervorgegangen, „an die Lehre von der Volkssouveränität und 
deren Konsequenzen, von denen er selbst eine der nächstliegenden 
ist,“ anlehnt. 4 ) Zweitens wird hier das souveräne Volk als 
atomisierte Masse gleichartiger Individuen gedacht und behandelt, 
während der Patrimonialstaat ein in Ständen und Korporationen 
mannigfach abgestufter Organismus ist.“ 5 ) Im Patrimonialstaat 

') Vgl. Berl. Polit. Wochenbl. 1833 S. 78, Verm. Schriften Bd. I. S 192, 
Berl. Polit. Wochenbl. 1837 S. 129, Verm. Sehr. Bd. III. S. 371. Vgl. Meinecke, 
Weltbürgertum S. 238. 

-) Die hauptsächlich hier in Betracht kommenden Besprechungen Jarckes 
stammen aus dem Januar 1847. 

’) Hist.-pol. Bl. Bd. XIX S. 293. 

4 ) S. darüber weiter unten. 

5 ) Bd. XIX S. 299. 


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wie im Ständestaat liegt die Regierung naturgemäß in den Händen 
der Aristokratie. Ihre Interessen verlieht Jarcke daher auch in 
erster Linie, ihre Rechte will er vor den Ansprüchen der unge¬ 
bildeten Masse und insbesondere auch lies liberalen Mittelstandes 
wahren, „die ständischen Einrichtungen müssen von einer tüchtigen 
politischen Bildung und Geschäftserfahrung der oberen 
Klassen getragen werden.“ 1 ) Ihre Interessen dürfen nicht 
mit denen der andern Volksklassen vermischt werden, wie er 
überhaupt die Ausgleichung der von Gott gewollten Standes¬ 
unterschiede zwischen Geistlichkeit, Adel und Bürgertum und 
die Entstehung neuer Stände aufs tiefste beklagt. Die Zurück¬ 
weisung „altaristokratischer Täuschungen und Fiktionen oder 
wirklich obsolet gewordener Zustände früherer Jahrhunderte“ 2 ) 
erscheint in seinem Munde nur als ein trügerisches, nicht ernst 
gemeintes Zugeständnis in letzter Stunde Am meisten verhaßt 
ist ihm der Mittelstand, in ihm sieht er den Sitz des liberalen 
Gedankens. Die Professoren, Privatdozenten, die Advokaten, 
Schriftsteller und reichen Kaufleute sind die Verführer der untern 
Volksklassen, die selbst wieder in ihnen nichts als einen 
privilegierten Stand sehen, drohend hinter ihnen stehen und sie 
schnell verdrängen werden, sobald einmal das Repräsentativ¬ 
system durchgeführt ist. 3 ) Die Herrschaft des Volkes führt dann 
aber unweigerlich die Militärdespotie herauf. 4 ) Bei allen seinen 
politischen Berechnungen ist für Jarcke der Gedanke maßgebend: 
Nicht die pars maior, sondern die pars sanior hat zu entscheiden. 
Diese aber verkörpert sich in der Aristokratie. Erbezweifelt es, daß 
„Ehre, Wahrheit und Recht immer oder auch nur meistenteils bei der 
Majorität sind.“ 5 ) Den Konstitutionalismus als Verkörperung des all¬ 
gemeinen Volkswillens lehnt Jarcke also ab und zwar im Einver¬ 
nehmen mit der weitaus überwiegenden Mehrzahl seiner Mitarbeiter. 

Um Görres’ Ansicht gleich hier anzufügen, so spricht auch 
er sich in einem aus Gründen der Opportunität allerdings 
reaktionärer als sonst geschriebenen Artikel (vgl. weiter unten) auch 
gegen das allgemeine Wahlrecht aus: „Dehnt den Kreis der 
Wähler auf die gesamte Nation aus, die Motive werden nur 
tiefer und tiefer sinken . . . “ G ) 

Der krasseste Fall praktischer Verwirklichung dieser Ansicht 
findet sich schon gleich im Anfänge der Zeitschrift bei Besprechung 
der hannoverschen Verfassungsfrage. König Ernst August hatte 
bekanntlich im Jahre 1837 die zu Recht bestehende moderne, 

‘) Hist.-pol. Bl. Bd. XIX S. 297. 

*j Hist-pol. S B| 2 °Bd. XIX S. 757. 

4 ) Bd. XX S. 290. 

s ) Bd. XVII S. 650. Aehnlich hatte sich auch ein unbekannter Autor Bd. II 
S. 64 ff. gegen „die Tyranei der Majorität* gewendet. Vgl auch Bd. XXI S. 39 ff. 

«) Hist.-pol. Bl. Bd. XVII. S. 550. 


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konstitutionelle Verfassung eigenmächtig beseitigt und durch die 
alte ständische vom Jahre 1819 ersetzt. Im Prinzip dem 
Fürsten das Recht einer willkürlichen Verfassungsänderung zu¬ 
zugestehen, hätte schlecht gepaßt zu der ganzen Art von Jarckes 
System, zu seiner religiös-sittlichen Begründung und der Aner¬ 
kennung tatsächlich bestehender rechtlicher Verhältnisse. Er 
verlangt ja, „den Willen in jeder Lage zu erkennen, in welche 
uns die Vorsehung gestellt hat. mithin auch in den Staatsver¬ 
hältnissen, in denen wir leben.“ 1 ) Diese Auffassung muß 
natürlich vom Fürsten so gut gelten wie vom Untertanen. So 
weist er also jenen „absolutistisch-revolutionären“ Gedanken mit 
aller Entschiedenheit ab. 8 ) Das hindert ihn freilich keineswegs, 
sich in diesem s p e zi e 11 e n Falle ganz auf Seiten der Regierung 
zu stellen. Indem er nur auf die vollendete Tatsache der 
Verfassungsänderung sieht, sucht er die Rolle eines Vermittlers 
zu spielen und fordert die Regierung auf, jetzt aber auch die 
Rechte der Stände zu achten, dem Volke dagegen legt er die 
von seinem Standpunkte aus gewiß berechtigte rhetorische Frage 
vor, 3 ) „ob, abgesehen von der formellen Gültigkeit der einen 
oder anderen Urkunde, bei den von dem Könige vorgeschlagenen 
Bestimmungen der künftigen Verfassung von Hannover das 
wahre Wohl, die Ordnung und die rechtliche Freiheit des Landes 
nicht auch und ebensowohl als unter der Konstitution Wilhelms 
IV. bestehen könne.“ Um aber den König ganz zu retten und 
auch seiner Beurteilung der Sache wenigstens den Schein des 
Rechts zu geben, versteigt er sich sogar zu der naiven Be¬ 
hauptung: „Es handelt sich nicht um Absolutismus und Willkür¬ 
herrschaft auf der einen und ständische Verfassung auf der 
andern Seite, sondern um die eine oder die andere Form und | 

Modalität der letztem.“ 1 ) Vergleichen wir damit die soeben 5 ) 
erwähnte Ueberzeugung Jarckes von dem fundamentalen Unter¬ 
schied zwischen ständischer und konstitutioneller Verfassung, so 
sind wir überrascht von seinem Mangel an Folgerichtigkeit. j 

Nichts kann besser seine Art des Kampfes gegen den Konstitu- 
tionalismus illustrieren. Alle Mittel schienen ihm dazu recht zu 
sein. 8 ) Im Uebrigert wendet sich in den Histor-polit. Blättern 

') Hist.-pol. Bl. Bd. XIX. S. 291. 

2 ) Bd. II. S. 444. 

3 ) a. a. O. S. 448. f 

«) Hist.-pol. Bl. Bd. II. S. 446. 

*) s o. S. 60. 

,f ) Wir möchten hier Gelegenheit nehmen, uns gegen einige Irrtümer in der 
bisherigen Auffassung von Jarckes Staatslehre zu wenden. Dock (Revolution 
und Restauration über die Souveränität. Straßburg 1900 S. 212) meint, daß 
Jarcke dem Fürsten das Recht der willkürlichen Verfassungsänderung deshalb 
nicht zuerkenne, weil er nicht mit dem Begriff der Volkswohlfahrt, dessen 1 

zentralisierende Tendenzen er haßt und fürchtet, operieren möchte. Wir haben t 

oben gesehen, daß er in der Tat nichts von der prinzipiellen Aner- e 


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nur eine einzige Stimme ausdrücklich gegen das Verfahren des 
hannoverschen Königs. 1 ) 

Wir glauben, durch die bisherigen Ausführungen gezeigt 
zu haben, daß fürjarcke, wenn überhaupt von einer Verfassungs¬ 
änderung die Rede sein sollte, nur die ständische in Betracht 
kommen konnte Das aber war gerade das schlimme Mißver¬ 
hältnis, in dem er sich befand, daß er die Erkenntnis von der 
Notwendigkeit liberaler Zugeständnisse nicht in Einklang zu 
bringen vermochte mit seiner inneren Ueberzeugung, in der sich 
mit dem starrsten Festhalten am Legitimitätsprinzip, einer aus¬ 


kennung eines solchen Rechts wissen will, ebenso aber auch, daß die Gründe 
hierfür anderswo liegen. Vielmehr sucht er ja in dem oben angeführten Fall 
der hannoverschen Verfassungsfragc den Schritt des Königs damit zu recht¬ 
fertigen, daß doch bei der ständischen Verfassung die Volkswohlfahrt minde¬ 
stens ebenso gesichert sei wie bei dem konstitutionellen System. Aber auch 
noch au einer andern Stelle sagt Dock (S. 206), ebenso wie früher schon Mohl 
(Gesell, u. Lit. der Staatswiss Bdi II. S. 588) und neuerdings wieder M. Spahn, 
(Staatslexikon der Gürrcs-Ges, Artikel „Jarcke* Bd. II. Sp. 1330), es fehle 
dein Staat Jarckes ein höherer Gesamtzweck und daß er somit auch keine 
hieraus folgenden Rechte und Pflichten erkenne. Wie weit das zutrifft, haben 
wir oben gesehen. Es ist gewiß sehr schwierig, wenn überhaupt angängig, 
gerade in diesem Punkte ein Urteil über Jarcke schlechtweg zu fällen. Der 
Mitarbeiter des Berl. Polit. Wochenblattes war, wie in konfessionellen Dingen, 
so auch in der Staatsanschauung, ein anderer, ein strengerer Anhänger Hallers 
als der Mitarbeiter der Hist -pol. Blätter. Dabei haben die veränderten Zcit- 
verhältnisse eine bedeutsame Rolle gespielt und daneben auch die ganz anders 
gearteten Interessen der Münchener Zeitschrift. Eben dieser Umstand ließ 
vielleicht auch wieder zugleich den Jarcke als Beichtiger des Wiener Hofes, 
als Mitarbeiter des »Oesterreich. Beobachter* und ähnlicher Organe einen 
anderen Standpunkt ein nehmen. Vielleicht läßt sich auf diese oder ähnliche 
Weise auch die folgende von Spahn (a a O. Sp. 1330) gebrachte Acußerung 
Jaickes erklären, die seine Staatslehre charakterisieren soll: „Nur der Fürst 
hat eine Seele und ein Gewissen und nur der Fürst kann jeden guten Ge¬ 
danken anerkennen ..." So aus dem Zusammenhang gerissen (Spahn gibt 
leider kein Quellen-Citat) sind diese Worte durchaus irreführend und nichts 
weniger als charakteristisch für Jarcke, vielmehr mit seiner religiös-sittlichen 
Auffassung vom Staat und vom Fürsten, wie sic uns in den Hist.-pol. Blättern 
entgegentritt, ganz unvereinbar. Wenn dies nicht schon aus unsern bisherigen 
Darlegungen hervorgeht, so mögen als Beweis noch einige Worte Jarckes aus 
den Blättern angeführt werden. Dort heißt cs (Bd. II. S. 454) bei Gelegenheit 
einer Beurteilung des bekannten Rochowschen Ausspruches vom .beschränkten 
Untertanen verstand“ nach Anführung der in Frage stehenden Aeußcrung des 
preußischen Ministers: „Die weitere folgerichtige Entwicklung dieses interessan¬ 
ten staatsrechtlichen Systems, in welchem Freiheit und Recht der Untertanen 
in geistlichen und weltlichen Dingen freilich keinen Platz und jene an Leib 
und Seele einschließlich ihres Urteils dem Staatsoberhaupt gegenüber nichts 
Eigenes, ja nicht einmal ein Gewissen mehr haben würden, als welches der 
Fürst für alle besäße und handhabte, kann der geneigte Leserin dem unsterb¬ 
lichen Leviathan von Thomas Hobbes nachlcsen.“ Vgl. auch in demselben 
Artikel S. 445. Unser oben kurz angeführtes Urteil über Jarckes innere Stell¬ 
ung zum monarchischen Absolutismus im guten und idealen Sinne bleibt trotz¬ 
dem bestehen. ‘ Wir werden sogleich noch darauf zurückkommen. 
i) Hist.-pol. Bl. Bd. XL S. 512. 


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geprägten Abneigung gegen jede plötzliche, künstliche Aenderung 
des Regierungssystems, eine Vorliebe für den Absolutismus ver¬ 
band, die er trotz augenscheinlichen Bemühens nie ganz verleugnen 
konnte. 1 ) Daher erhält denn seine ganze Art der Verlautbarung, 
sobald sie praktisch aufbauend wirken will, etwas Schwankendes, 
Verworrenes. Den höchsten Lobsprüchen ' auf das ständische 
System und der offen kundgegebenen Ueberzeugung: „Nach 
dem großen europäischen Frieden war seine Wiederherstellung 
eine heilige Schuld der Regierungen an die Völker,“ 2 ) steht schon 
einige Zeilen später eine unverhohlene Mißachtung jeder schrift¬ 
lichen Verfassung entgegen. „Das ist das Unheil unserer Zeit, 
daß sie im Verhältnis der Fürsten zu den Völkern den lebendig 
machenden Geist, der nicht in Formeln und Artikel und Verträge 
gebannt werden kann, dem Buchstaben opfern, daß sie 
die Liebe durch die Starrheit des Gesetzes verdrängen und nur 
dem geschriebenen Worte Glauben und Vertrauen schenken will “ 3 ) 
Aehnlich folgt einem andern Lobeshymnus 4 ) nicht viel später 
die elegische Frage, in Anspielung auf die doch sicher kargen 
ständischen Rechte, die Radowitz in seinen „Gesprächen“ ent¬ 
wickelte. „Dürfen wir uns schmeicheln, daß wir mit s o i e i c h t e r 
B u ß e (!) davonkommen?“ 5 ) Es kann uns nicht wundern, daß 
auch Jarcke seine Zugeständnisse auf ein Minimum zurück¬ 
schraubte. Der innere Konflikt ließ ihn im entscheidenden 
Augenblick, wo er praktische Vorschläge machen sollte, eben 
in der Frage der ständischen Vertretung, wieder eng sich an 
Haller anschließen. 

Ganz allgemein war das Problem noch im Jahre 1841 
formuliert worden 6 ): „Wie sind die gerechten, wirklich begründeten 
Ansprüche auf ständische Freiheit im praktischen Leben von den 
so nahe liegenden Verirrungen des liberalen Konstitutionalismus 
zu sondern und welche Stellung hat das monarchisch-ständische 
System, welchem Deutschland entgegenzuführen ist, gegen den 
absoluten Beamtenstaat zu nehmen, der ebenfalls eine historisch 
begründete Existenz gewonnen hat?“ Erst die preußische 
Verfassungsfrage brachte Jarcke dazu, sich näher über Einzel¬ 
heiten in den Blättern zu äußern. Und da zeigt sich in der 
Tat, daß die Stände seiner Ansicht nach, ebenso wie bei Haller, 
im Grunde nur zu Gunsten der Regierungsgewalt des Fürsten 

J ) Jarcke war sich völlig klar darüber, in welchem Rufe seine Lehre bei 
der Mitwelt stand. »Heute sind wir bei vielen noch als Herolde des Absolu¬ 
tismus verschrieen," schrieb er an Haller. Hist.-pol. Bl. Bd. CLIV S. 408. 

*) Hist.-pol. Bl. Bd II. S. 443. 

’) a. a. O. S. 448. Vgl dazu Friedrich Wilhelm IV. Ausspruch von dem 
„Blatt Papier," das sich nicht zwischen ihn und sein Volk schieben dürfe! 

4 ) Bd. XVII. S. 649. 

s) Bd. XIX. S. 304. 

6 ) Hist.-pol. Bl. Bd. VIII. S. 718 (wahrscheinlich von Jarcke.) 


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geschaffen werden sollen. „Die ganze Schwierigkeit steckt darin, 
Stände zu schaffen, die durch ihre Ratschläge und Erörterungen 
die Regierung aufklären, die moralische Autorität derselben dem 
Lande gegenüber stützen, ihr die Verantwortlichkeit vor der 
öffentlichen Meinung tragen helfen, ohne dabei zu schreien, zu 
stören, zu verwirren, zu hemmen oder mitregieren zu 
wollen.“ 1 ) Vor allem soll sich der Fürst hüten, so heißt es in 
einer Ermahnung, die sich in erster Linie an den preußischen 
König richtet, 2 ) daß er sich nicht in der Not zu einem Zuge¬ 
ständnis bewegen lasse, dem er nicht mit ruhigem Gewissen 
später auch Folge leisten könne. Neben der größten „Voll¬ 
ständigkeit in der Vertretung der einzelnen Stände und Gesamt¬ 
interessen“ — nie spricht Jarcke vor 1848 von Volks Vertretung — 
verlangt er für die gemeinsame Beratung sowie völlige Freiheit 
in der Aussprache und „liberalste Oeffentlichkeit der Verhand¬ 
lungen . . . damit jedes korporative Interesse mit seinen Beschwer¬ 
den und Wünschen . . . gehört werde.“ Von einem Budgetrecht 
will er ebenso wie Radowitz nichts wissen, vielmehr soll der 
derzeitige Staatshaushalt als Grundlage dienen, und die Stände 
nur bei Ausschreibung neuer Steuern gehört werden. Dabei 
soll auch keineswegs „eine künstlich erzeugte Majorität der einen 
Partei zum Siege über die andere verhelfen,“ vielmehr „nur das 
Herz und das Gewissen dessen entscheiden, der als unabhängiger, 
oberster Herr gleich hoch über allen Sonderinteressen steht.“ 
Ist aber tatsächlich eine ausgesprochene Majorität gegen eine 
Regierungsvorlage vorhanden, „dann geben Sie,“ so ruft er dem 
König zu, „auch ohne sich der Majorität der Stände durch aus¬ 
drücklichen Pakt unterworfen zu haben, den neuen Plan, wenn 
nicht für immer, so doch auf so lange auf, bis die öffentliche 
Meinung aufgeklärt, das Vorurteil beseitigt, die Abneigung ge¬ 
hoben ist, oder suchen Sie dem Bedürfnis durch andere, minder 
verhaßte Mittel abzuhelfen, . . . machen Sie es aber niemals 
zum Gegenstände eines ihrem Volke abgelegten Gelöbnisses.“ 
Kurz, er sieht „die Bedingungen einer gedeihlichen Wirksamkeit 
der Stände weit weniger in der scharf abgezirkelten Begrenzung 
des Kreises ihrer Tätigkeit, in der juristischen Auspunktierung 
und .Verteilung der Macht unter die Kammern und die fürstliche 
Regierung, weil diese Grenze sich weit weniger durch Gesetz 
und Theorie als durch das Faktum und Herkommen ohne, ja 
wider die Berechnung und Voraussicht der Menschen feststellt.“ 3 ) 
Wir sind überrascht von der Aehnlichkeit, ja von der fast wört¬ 
lichen Uebereinstimmung dieses Rezepts mit dem, was einst 
Haller in seiner „Restauration“ empfohlen hatte. 

*j Hist-pol. Bl. Bd. XIX. S. 302. 

*) a. a. O. S. 306 ff. 

*) a. a. O. S. 297. 


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Jarcke hatte die Genugtuung, im preußischen Verfassungs¬ 
patent vom 3. Februar 1847 seine Wünsche im Wesentlichen 
erfüllt zu sehen. Stellt er das auch mit großer Befriedigung 
fest, so mischt sich dazu doch eine unverkennbar pessimistische 
Stimmung: Er hatte nach wie vor die schwerwiegendsten Zweifel 
an der Dauerhaftigkeit dieser Lösung. Wenn aber der Versuch 
des Königs fehlschlage, so liege das daran, ,.weil seine Aufgabe 
in ei ner jämmerlichen Zeit unlösbar und sein Jahrhundert nicht 
mehr fähig war, die Freiheit mit der monarchischen Ordnung 
in Einklang zu bringen,“ und „die unparteiische Geschichte 
würde von ihm berichten, daß sein Gedanke eine der 
großartigsten und genialsten politischen Con- 
ceptionen gewesen, die je ein im äußersten Sinne des Wortes 
freisinniger Staatsmann faßte, daß aber die Werkzeuge, die ihm 
die Vorsehung gegeben, unfähig gewesen seien, bei der Aus¬ 
führung in seinen Geist einzugehen, und die Zeitgenossen zu 
klein, ihn zu begreifen.“ Schlägt dieser Versuch zur Einführung 
der ständischen Verfassung fehl, so ist sie auch für alle Zeiten ab¬ 
getan, „die europäische Welt wäre dann den Wechselfällen der 
Revolution rettungslos preisgegeben, bis sie, müde gehetzt, von 
den Stürmen der Anarchie in dem Siege des vollendeten 
Absolutismus die Ruhe des Kirchhofs fände.“ 1 ) 

Jarcke war übrigens nicht einmal der Extremste in seiner 
Art, wenn auch im allgemeinen seine Wünsche als die Norm 
dessen bezeichnet werden können, was den Blättern in politischer 
Beziehung erstrebenswert zu sein schien. Aber eine einzelne 
Stimme läßt sich noch zu Anfang des Jahres 1848 vernehmen, 
die den Ständen noch unverblümter einen ausschließlich beratenden 
Charakter beigelegt wissen will und von diesem Standpunkt aus 
sagt: 2 ) „Hätten wir . . unsere Aussetzungen und Bedenken in 
Betreff der Gesetze vom 3. Febr. 1847 anzugeben, so würden 
sie, statt für den Landtag einen Anteil an der Souveränität zu 
reklamieren, umgekehrt gerade darauf hinauslaufen, daß der den 
allgemeinen Ständen beigelegte Charakter einer bloß beratenden 
Versammlung nicht streng genug festgehalten ist, und 
daß ihnen deshalb wesentliche ständische Freiheiten und Rechte, 
die in den Händen bloß beratender Stände kein Bedenken hätten, 
nicht beigelegt oder verkümmert sind.“ 

Jarckes ständischen Ansichten brauchen wir nichts weiter' 
mehr hinzuzufügen. Seine praktische Stellung zur hannoverschen 
und preußischen Frage spricht deutlich genug. Wir sehen 
daraus einmal, daß er keineswegs gewillt war, von seinem Stand¬ 
punkt auch nur im Geringsten abzuweichen, selbst auf die Gefahr 


i) Hist.-pol. Bl. Bd. XX S. 377. 
*) Hist.-pol. Bl. Bd. XXI S. 47. 


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hin, daß er, nur auf die Kirche als das Panacee verweisend, 
untätig das Schicksal seinen Weg mußte gehen lassen. Denn 
zugleich gewinnen wir aus seinen Schriften den bestimmten 
Eindruck, daß ihm der Nonsens des Beharrens bei seiner Staats¬ 
anschauung bereits vor dem Jahre 1848 klar geworden war. So 
wirkt sein starres Festhalten geradezu grotesk. Es wird uns aber 
verständlicher, wenn wir bedenken, daß, wie er durch alle seine 
staatstheoretischen Spekulationen in erster Linie der Kirche eine 
hervorragende Stelle zu sichern suchte, so auch die Wiederher¬ 
stellung des mittelalterlich-christlich-germanischen Ständestaats 
allein ihm ein ideales, harmonisches Zusammenwirken von Kirche 
und Staat für die Erreichung des höchsten, ewigen Zieles zu 
verbürgen schien. So wurde ihm der Kampf für den Ständestaat 
eine hohe, heilige Aufgabe, der die Gnade des Himmels zur 
Seite stehen mußte. Wir gewinnen diese Ueberzeugung nicht 
allein aus seiner publizistischen Tätigkeit, er selbst sagt es uns 
auch: „Selbst wenn unsere Namen vergessen werden sollten, 
wird die Sache siegen, der wir uns diesseits geweiht hatten, . . . 
diese Sacheaber ist identisch mit derSache 
der Kirche.“ 1 ) Alle die unüberwindlichen Schwierigkeiten, 
die konfessionellen Spaltungen, die veränderte Zeitrichtung, blieben 
ihm zwar nicht verborgen, aber mit um so größerem Eifer kämpfte 
er für sein altes Ideal, je gewaltiger die ihm sich entgegen¬ 
türmenden Hindernisse wurden. Hatte ihm seine immer mehr 
wachsende religiöse Einseitigkeit die Augen für die Wirklichkeit 
auch nicht geschlossen, so lähmte sie doch seine Fähigkeit zum 
praktischen Handeln, sie ließ ihn nicht zu dem Entschluß kommen 
von zwei Uebeln, dem modernen Staate oder der Revolution, 
das kleinere zu wählen. So hat er sich selbst die Bahn verlegt, 
um mit den ihm zu Gebote stehenden, nicht unbedeutenden 
Mitteln positive Arbeit zu leisten. Von größerer Bedeutung war 
seine Wirksamkeit nach der negativen Seite vom Gesichtspunkte 
unserer heutigen Staatsauffassung; denn auch als spiritus rector 
der Histor.-polit. Blätter hat er sicher seinen Teil noch dazu bei¬ 
getragen, daß sich die liberalen Zugeständnisse der preußischen 
Regierung noch einige Zeit hinauszögerten. 8 ) Von ungleich 
größerer Bedeutung ist aber sicher der Einfluß, den er und die 
Histor.-polit. Blätter überhaupt auf die katholischen Massen 
geübt haben, die sie mit ihren konstitutionsfeindlichen Gedanken 
zu durchtränken suchten. In der Tatsache, daß bei den Wahlen 
zur Frankfurter Nationalversammlung Klerikale und Radikale 
fast überall in den schärfsten Gegensatz zueinander traten und 
schließlich außer Ketteier, dem ungetreuen Jünger der Münchener 

*) Hist.-pol. Bl. Bd. CL1V S. 409: Jarckc an Haller. 

2 ) Vgl. Mohl, Gcsch. u. Lit. der Staatsw. Bd. II S. 589, auch G. Kaufmann, 
Geschichte Deutschlands i. 19. Jahrh. Berlin 1912. S. 216. 


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Schule, der sich freilich auch bald vom Radikalismus trennte, 
kein Klerikaler von reiner katholischer Ueberzeugung auf der 
Linken Platz nahm, sind wir geneigt, eine der wichtigsten Früchte 
der Wirksamkeit der Histor.-polit. Blätter zu erblicken. 1 ) 

Jarckes maßgebender Einfluß auf die Blätter mag neben 
seiner publizistischen Gewandtheit sicher zum großen Teil auch 
darauf zurückzuführen sein, das Phillips, von Berlin her sein 
Freund und Gesinnungsgenosse, vorwiegend die Redaktionsge¬ 
schäfte zu leiten hatte. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß dieser 
manchen Artikel, der nicht mit seiner ultrakonservativen Ansicht 
übereinstimmte, zurückgewiesen hat, wie wir es im folgenden 
an einigen Beispielen nachweisen können. Wir werden dabei 
zugleich Gelegenheit haben, eine, wenn auch wenig umfangreiche 
Richtung innerhalb des Kreises der Mitarbeiter aufzuzeigen, die 
dem Konstitutionalismus freundlicher gegenüberstand. 

Joseph Görres möchten wir als Einzigen von den Männern 
dieser Richtung, dessen Identität festzustellen ist, zuerst behan¬ 
deln. Er bespricht in dem einleitenden Artikel des ersten Ban¬ 
des die „Weltlage“ und verbreitet sich dabei über den konstitu¬ 
tionellen Staat als Vermittler zwischen Despotie und Demokratie 
und fährt dann fort: 2 ) „Es entsteht also nun die Frage, ist diese 
Ordnung die gesuchte, die unserm Weltteile eigentümlich ange¬ 
hört? In der Tat, sehen wir sie uns in einem ihrer wesentlich¬ 
sten Prinzipien, dem Bestehen auf der Vermittlung extremer 
Richtungen an, dann müssen wir diese Frage unbedingt bejahen.“ 
Aber nicht nur das allgemeine Prinzip dieser Ordnung, das, wenn 
auch in anderer Form, früher der Verfassung schon eingewohnt, 
ist zu billigen, auch auf die enger gestellte Frage, „ist das Heil 
an die gegenwärtige Form geknüpft, können wir nicht unbedingt 
wegwerfend und verneinend antworten.“ Allerdings will er nicht 
glauben, „daß die volle und ganze Wahrheit in ihr sei,“ denn 
die Tatsache, daß diejenigen, „welche am ernstlichsten auf 
Besserung dringen, sich ihr abgeneigt befinden,“ muß ihn be¬ 
denklich stimmen. „ . . . Das muß uns auf den Gedanken 
bringen, es möge wohl hier eine Stärke und Wahrheit der alten 
Ordnung gegen eine Schwäche und Lüge der neuen gerichtet stehen, 
und es könne die Wahrheit der letztem in einem höhern Grade schon 
der erstem eingewohnt haben und ihr nur teilweise verkommen sein.“ 3 ) 
Görres hat sich zu dieser Frage leider nicht direkt geäußert, denn 
nach einer weitschweifigen Entwicklung der mittelalterlichen Ver¬ 
fassung aus germanischen und romanischen Elementen 4 ) bricht er 

’) Vgl. R. Lempp, Die Frage der Trennung von Kirche und Staat auf dem 
Frankf. Parlament. Wahls Beiträge z. Parteigeschichte 1913 S. 33. 

2 ) Hist.-pol. BI. Bd. I. S. 27. 

3 ) a. a. O. S. 29 f. 

*) S. 214 ff., 261 ff. 


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— 6 $ 


gerade da ab, wo die Besprechung der Konstitution beginnen 
sollte. Es ist ganz augenscheinlich, daß hier schon die Wirksam¬ 
keit der Redaktion von Phillips in die Erscheinung tritt. Denn 
ein, wenn auch nur bedingtes Eintreten für den Konstitutionalismus 
gleich im ersten Hefte der Zeitschrift hätte ihre ganze Existenz 
als Sammelpunkt der starr konservativen katholischen Kreise als¬ 
bald in Frage gestellt Wir haben aber einen Anhaltspunkt da¬ 
für, wie Görres über jene offen gebliebene Frage dachte. Gelegent¬ 
lich der bereits erwähnten Fehde zwischen den preußisch-prote¬ 
stantischen Konservativen und den Histor.-polit. Blättern 1 ) wurden 
diese u. a von Victor Aim£ Huber in der Schrift „Was wollen 
eigentlich die Histor.-polit. Blätter?“ heftig angegriffen, insbe¬ 
sondere wegen ihres einseitigen Konfessionalismus, wegen ihrer 
Propaganda für einen vorreformatorischen, deutschen Ständestaat 
und der Bekämpfung der preußischen Hegemonie, ein Programm, 
das Huber mit Recht auf Jarcke zurückführte, und das 
von den „edlem, würdigem, deutschem Häuptern der katholischen 
Reaktion ausdrücklich anerkannt“ werden müsse, ehe es auch 
ihnen allen untergeschoben würde. 2 ) Dieser Streitschrift ant¬ 
wortete Görres, 3 ) indem er jede Erklärung ablehnte. Besonders 
wertvoll aber ist uns der Schlußsatz, der uns zeigt, wo für ihn 
der springende Punkt der ganzen Konstitutionsfrage lag: „Wenn 
er (sc. Huber) uns übrigens zwischen den Hörnern seiner Anti¬ 
these, dem monarchisch-protestantischen Preußen und dem 
konstitutionell-katholischen Bayern in unbequemer Lage zu betten 
glaubt, so brechen wir ohne weiteres das eine Horn bei der 
Wurzel ab: da das konstitutionelle Bayern dadurch ebensowenig 
aufgehört hat, monarchisch zu sein, wie es durch den Zutritt 
von mehr als einer Million Protestanten seinen Katholizismus 
eingebüßt.“ 4 ) Man wird wohl nicht irre gehen, wenn man aus 
diesen Worten den Schluß zieht, daß es Görres in der Haupt¬ 
sache nur auf eine Bekämpfung der „naturrechtlichen Irrlehren“ 
vom Gesellschaftsvertrag und der Volkssouveränität ankam; darin 
sah er „die Schwäche und Lüge der neuen Ordnung,“ 5 ) daß er 
sich nach Abzug dieser falschen Prinzipien und ihrer Konse¬ 
quenzen als Freund eines gemäßigten Konstitutionalismus be¬ 
kannte, der, wenn auch nur notdürftig, die fortschreitende Demo¬ 
kratisierung „durch die geteilte Herrschaft einer Minderzahl als 
Surrogat der Ganzheit hemmt und beschränkt.“ 6 ) „Schon das 


q s. o. S. 53. 

*) [V. A. Huber), Was wollen eigentlich die Hist.-pol, Bl Leipzig 1843. S. 32. 
*) Hist.-pol. Bl. Bd. XII. S. 326 ff. 

*) a. a. O. S. 328. 

5 ) o. S. 68. 

«) Hist.-pol. Bl. Bd. IV. S. 699. 


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Innehalten auf diesen Wegen des Unheils,“ so sagt er 1 ) „wird 
Segen bringen, mehr noch die Umkehr, nicht zu den alten 
Formen, wohl aber zum Leben, das in ihnen gegrünt, zum Rechte 
das sie gevestet hat und zur Wahrheit, auf der sie in Sicherheit 
geruht. So vieles was ehbevor gestanden, ist freilich jetzt ver¬ 
gangen, es fahre dahin 1 All irdisch Ding muß der Vergänglich¬ 
keit seinen Tribut zahlen, aber auch, was die altersgraue 
Theorieder letzten Zeit sich eingebildet, ist 
alles hingeschwunden; unter dem dürren Heu, das sie in Haufen 
auigeschobert, begrünt sich die Matte neu. Weiß die Alte nicht 
in Zeiten sich zurecht zu finden, dann wird sie unsanft zurecht¬ 
gewiesen, während sie ein Licht anzündet und den verlorenen 
Pfennig sucht, wird all ihr Mammon ihr davongetragen, 
und sie wird wie eine Bettlerin am Wege sitzen.“ Klarer und 
deutlicher konnte die Absage an das System eines Haller oder 
Jarcke in dieser Zeitschrift nicht sein! 

Görres hat sich in den Blättern nicht näher über seine 
Ansicht vom konstitutionellen Staat ausgelassen. Wenn es uns 
allerdings so scheinen will, als habe er in einem Aufsatze aus 
dem Jahre 1846 2 ) seinen Standpunkt wieder geändert, indem er 
damals die ständische Staatsauffassung Abels, des herrschenden 
Ministers, die ein getreues Abbild der Lehre Jarckes darstellte, 
warm verteidigte gegenüber der liberalen Ansicht des früheren 
Ministers, des Fürsten von Oettingen-Wallerstein, so ist dabei zu 
bedenken, daß der Kampf gegen Abel zugleich der katholischen 
Partei überhaupt galt. Beider Interessen waren eng mit ein¬ 
ander verflochten. Die Verteidigung Abels und der Kampf 
gegen Wallerstein war im Grunde nur die Wahrnehmung eigener 
Interessen und seiner Partei. Da durfte naturgemäß nicht die Rede 
sein von politischen Meinungsverschiedenheiten im eigenen Lager. 3 ) 

Wie aber auch immer im einzelnen Görres’ Stellung ge¬ 
wesen sein mag, so viel ist sicher, daß wir ihn für die letzten 
zehn Jahre seines Lebens nicht als Gegner des Konstitutionalis- 
mus bezeichnen können. 4 ) 

Wir haben hier noch die Aeußerung eines anderen Mit¬ 
arbeiters liberaler Gesinnung anzuführen. Sie stammt aus dem 


i) Hist.-pol. Bl. Bd. IV. S 703 f. 

*) a. a. O Bd. XVII. S. 545 ff. 

*) Ueber die Beziehungen der Hist.-pol. Bl. zum Ministerium Abel wird 
später die Rede sein. 

*) Wie Galland. Jos. Görres S. 570 getan hatte. Nach der Angabe Lempfrids 
(Die Anfänge des parteipolit. Lebens ... in Bayern. S. 172) wäre Görres als 
Mitarbeiter der „Eos" noch heftiger Gegner der Konstitution gewesen. Die 
gegenteilige Ansicht für eine noch weiter zurückliegende Zeit spricht aus: 
Uhlmann, J. Görres u. d. deutsche Einheits- u. Verfassungsfrage bis 1824 
Leipzig 1912. Gegen Uhlmanns Auffassung wendet sich Bauermeister: Histor. 
Jahrb. der Görresges. 1914 S. 619. 


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Jahre 1842. Der unbekannte Verfasser verlangt neben den 
Provinzialständen, die zur Wahrung der Stammeseigentümlich¬ 
keiten nötig seien, eine reichsständische Vertretung, „ein Organ 
allgemeiner Vertretung des Ganzen.“ 1 ) Denn ohne sie würde 
die Regierungskraft zersplittert und der Staat wäre in Gefahr, 
sich in kleinere Staaten aufzulösen. Wenn auch Bedenken vor¬ 
handen seien, „so kann doch vielleicht auf die Dauer dem Verlangen 
nach solchen Institutionen, welche die Regierung strenge binden, 
nicht ausgewichen werden und es könnte rätlich sein, mit der 
freien Gewährung zuvorzukommen, um nicht in den Fall gesetzt 
zu werden, dem lauter dringenden Begehren mehr als gut ist, 
nachgeben zu müssen.“ Die gesamte Staatsgewalt muß zwar 
dem Rechte nach in der Person der Fürsten vereinigt bleiben, 
„er soll nicht zum obersten Vollziehungsbeamten des Staates 
oder Volkes gemacht werden, der sein Recht zur Re¬ 
gierung von einer Verleihung des letztem ab¬ 
leite,“ er soll aber „in der Ausübung einzelner Zweige der 
Staatsgewalt an die Mitwirkung jenes verfassungsmäßigen Organs 
gebunden werden. Die Befugnisse aber, die für dieses in An¬ 
spruch genommen werden möchten, sind namentlich folgende: 
1. Das Recht der Beschwerde, 2. die Kontrolle des Staatshaus¬ 
halts und der Finanzen, 3. die Mitwirkung bei der Gesetzgebung 
und 4. das Recht der Anklage gegen die Minister des Königs.“ 8 ) 
Wir haben hier also eine volle, offene Anerkennung der Not¬ 
wendigkeit einer Durchführung des liberalen, konstitutionellen 
Programms vor uns. Sie steht aber auch einzig da in den 
Blättern: Nie, weder vorher noch nachher (bis zum Jahre 1848) 
haben sie ein auch nur annähernd so freimütiges Bekenntnis 
gebracht. Wir müssen uns überhaupt wundern, wie dieser Artikel 
ungehindert seinen Weg durch die Redaktionsstube nehmen 
konnte. Es ist nur verständlich, wenn wir annehmen, daß er 
ohne Wissen von Phillips durch Guido Görres in seiner politi¬ 
schen Ignoranz gebilligt wurde. Die angekündigte Fortsetzung 
fand naturgemäß keine Aufnahme mehr in den Blättern. 

Damit haben wir schon alle von Jarcke in wesentlichen 
Punkten abweichenden politischen Ansichten dargestellt. 3 ) Sie 
fallen so wenig ins Gewicht, daß wir die Blätter mit Recht ein 
Organ der Hallerschen Schule nennen können, ein konfessionell 
einseitiges Konkurrenz-Unternehmen, resp. eine Fortsetzung des 
Berliner Politischen Wochenblattes. In der Tat ist ja diese kon¬ 
servative Zeitschrift an den Folgen des Cölner Kirchenstreites 
und zwar in erster Linie durch die Münchener Blätter zu Grunde 

') Hist.-pol. Bl. Bd. X. S 413. 

*) a. a. O. S. 414 f. 

*) Von einigen ganz unwesentlichen und unbestimmten Bemerkungen sehen 
wir hier ab. 


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gegangen, indem sie „in Süddeutschland Mitarbeiter und Abon¬ 
nenten verlor, sodaß man bei Streits (des Redakteurs) Tod 1839 
es eingehen lassen wollte. Im preußischen Ministerium des 
Innern aber besorgte man, das würde als ein Triumph des Ultra¬ 
montanismus gegenüber dem Protestantismus betrachtet werden : 
So wurde zunächst noch eine Fortsetzung des Wochenblattes 
beschlossen, seine frühere Bedeutung aber erlangte es nicht 
wieder, schon zwei Jahre später, Ende 1841, erschien seine letzte 
Nummer.“ 1 ) 

* * 

* 

Einen kurzen Blick wollen wir im Anschluß an die Be¬ 
trachtung der politischen Anschauungen der Historisch-politischen 
Blätter noch auf ihre hauptsächlichen wirtschafts- und sozialpoli¬ 
tischen Ideen werfen. Pfeilschifters Unternehmungen, die über¬ 
haupt in so mancher Beziehung den Münchener Blättern ähneln, 
zeigen gerade in der Wirtschaftspolitik eine besondere Ueber- 
einstimmung mit ihnen. Aus beiden Zeitschriften wehte der Geist 
Adam Müllers. Sein System stimmte ja auch im wesentlichen 
überein mit den politischen Wünschen eines Jarcke. 

Die Grundherrschaft ist seiner Ansicht nach das Fundament 
des Staates. Wie die Erde und ihre Produkte nur einen echten, 
wahren Besitz darstcllen, so ist das Geld nur „ein falscher und 
fiktiver.“ Ueberhaupt wird die Geldwirtschaft in ihren modernen 
Formen abgelehnt. Das Geld ist nur dazu bestimmt, „die Spitze 
des Verkehrs zu bilden und zwischen den verschiedenen Ord¬ 
nungen der Gesellschaft als Repräsentant ihrer zum Austausch 
bestimmten Güter und Leistungen ausgleichend und verbindend 
ins Mittel zu treten,“ jetzt aber ist es „zum selbständigen, 
herrschenden Elemente erhoben worden, das sich . . . lediglich 
in sich selbst abgleiehend, durch sein Steigen und Fallen den 
Wert aller Güter bestimmt.“ 1 ) Sehr bedauerlich ist die Zer¬ 
splitterung und Zertrümmerung des großen Grundbesitzes, die 

') Varrentrapp, Hist. Zeitschr. Bd. 99 S. 108. — Wir müssen uns hier noch 
gegen das Urteil Carl Bachems (Gesell, der kath. Presse Bd. I S. 2'!6 f.) wenden, 
der bei den Hist.-pol. Blättern von „gesunden Grundsätzen einer besonnenen 
Mittellinie zwischen Revolution und Absolutismus auf politischem Gebiete . . ." 
spricht und die oben erwähnten Aeußerungcn von Görres im 1. Bande ver¬ 
allgemeinernd, die Blätter als Befürworter des monarchisch-konstitutionellen 
Systems bezeichnet. Eine weitere Widerlegung dieser Auffassung Bachems 
dürfte sich nach unsern bisherigen Ausführungen erübrigen! 

*) Hist.-pol. Bl. Bd. II S. 391. Vgl. dazu Adam Müller, Die Elemente der 
Staatskunst. Berlin 1809 II Teil S. 222: .... Da nun überhaupt von der 
gegenwärtigen Staatswissenschaft die geistliche Natur des Staates gar nicht, 
die adelige Natur desselben nur halb und im Römischen Geiste beachtet, 
hingegen die bürgerliche Natur absolut und ausschließlich erwogen wird — : 
so weiß ich Ihnen die heutige National-Ockonomie in ihrer Unvollständigkcit 
und Halbheit nicht deutlicher zu charakterisieren, als indem ich Ihnen erkläre, 


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Auflösung seiner materiellen Unterlage. 1 ) Der Boden ist eine 
Ware des Handels und der Spekulation geworden, er wird 
hypothekarisch belastet und dadurch geht seine große Bedeutung 
als konservatives Element verloren. Zwar wird anfangs durch 
die Teilung des Großgrundbesitzes die Zahl der kleinen Bauern 
vermehrt, aber bald werden diese durch neue Teilungen dem 
Proletariat näher gebracht. „Standen sie früher unter einem 
Gutsherrn, so haben sie durch die Ablösung oder die Aufhebung 
der Feudallasten allerdings ihr freies Eigentum gewonnen, dafür 
aber haben sie den Familienverband mit ihrem Gutsherrn, wie 
er im Geiste des christlichen Mittelalters bestand, verloren. 
Unterliegen sie mit ihren kleinen Mitteln den Bedrängnissen 
von schweren Mißjahren, ... so sehen sie sich genötigt, statt 
des alten Bandes mit ihrem Gutsherrn ein neues, vielleicht einem 
Juden, anzuknüpfen. Auf Nachsicht oder Unterstützung, wie bei 
einem angeerbten Grundherrn, dürfen sie bei den Kapitalisten 
nicht zählen . . . Die Gefühle des Gehorsams, der Liebe, der 
Ehrerbietung, der Dankbarkeit und aufopfernder, treuer Anhäng¬ 
lichkeit bleiben ihnen fremd. Unabhängig, ohne Aufsicht stehen 
sie selbständig der Welt, die mit ihren lästigen Forderungen und 
Exekutionen auf sie eindringt, im Kriegszustände gegenüber . . . 
den Egoismus, den sie erfahren, werden sie mit Egoismus ver¬ 
gelten und diesen lieblosen, kaltberechnenden, an keine Autorität 
gewöhnten, jeder Hingabe fremden Geist in alle übrigen Lebens¬ 
verhältnisse hinübertragen.“ 

Aus ähnlichen Gründen beklagen sie auch den Untergang 
des mittelalterlichen Zunft- und Innungswesens mit seiner 
korporativen Gebundenheit und Gliederung. Es hatte in erster 
Linie moralische Wirkungen: „Der Einzelne stand nicht wie ein 
isoliertes Atom inmitten des Ozeans eines modernen Staats, . . . 
er wußte und begriff sich als Teil, als lebendiges Glied eines 
engern Ganzen ..." „Wer den Angelegenheiten seiner Zunft 
seine Aufmerksamkeit, seinen Eifer, seine Liebe schenkte, fand 
keine Zeit, keinen Platz in seinem Innern, den Staat 
regieren helfen zu wollen, mit dem er nur mittelbar durch 
seine Korporation zusammenhing.“ 2 ) So verurteilen sie die 
moderne Gewerbefreiheit, insbesondere die preußische Gesetz- 


daß sie den ersten Stand der ökonomischen Objekte, die Ideen, gar nicht, 
den zweiten Stand, die ökonomischen Verhältnisse des Menschen zum Grund 
und Boden . . . nur halb und nach der Manier der beweglichen Besitzstücke, 
den dritten Stand, nehmlich die beweglichen Sachen, nur absolut und aus¬ 
schließend zu erwägen versteht, daß sie demnach durch und durch unvollständig 
gebrechlich und . . . höchst unnational ist . . Im übrigen tritt uns die 
Uebereinstimmung mit Adam Müller beim Durchblättern seiner „Elemente der 
Staatskunst* auf Schritt und Tritt entgegen. 

’) Hist.-pol. Bl Bd. XII S. 381 ff. 

*) a. a. O. Bd. V S. 585. 


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gebung von 1811, mit der „ein Stockwerk des gesellschaftlichen 
Gebäudes in unserem Vaterlande in Trümmer gelegt wurde.“(!) 
„Die Hierarchie, die innere Disciplin, die Verfassung der in¬ 
dustriellen Klasse, ist zerstört, . . . alle Beschränkungen sind 
aufgehoben, die Zahl der Lehrlinge ist unbegrenzt, daher die 
Zahl der Gesellen, welche auf den Landstraßen ihr Brot suchen, 
Legion . . ., eine Werkstatt kann anlegen, wer die Patentsteuer 
bezahlt. Die Folge davon ist Uebervölkerung der Städte, welche 
mit der in Folge der Teilbarkeit des Grundeigentums eintretenden 
reißenden Vermehrung des Landvolkes gleichen Schritt hält.“ 1 ) 
Kurz, sie wissen, „daß die Zunftverfassung nur ein sehr allmähliches 
Anwachsen der Population gestattet, die Gewerbefreiheit dagegen 
mit Recht als eines der schnellwirkendsten Mittel zur Beförderung 
des Populationszweckes gilt.“ 2 ) In der Bevölkerungsvermehrung 
aber sehen sie gerade den Grund des mit Macht hereinbrechenden 
Pauperismus.“ Es ist „eine dünkelhafte und kurzsichtige Staats¬ 
weisheit, welche in der Zunahme der Menschenzahl eine Zu¬ 
nahme der Geister entdeckt, welche mechanisch-arithmetisch 
nur zählt aber nicht einmal wägt.“ 3 ) „Nichts ist unwahrer 
und unwissender, als die körperliche Zeugung 
und die Vermehrung der Bevölkerung für die 
fürallesgegebeneOrdnungderNaturzuhallen. 
Diese zeigt vielmehr auf allen Stufenleitern der Schöpfung, daß 
nur der kleinere Teil der Einzelnen zur körperlichen Fortpflanzung 
der Gattung, der bei weitem größere aber und besonders 
gepflegte und veredelte zum Opfer und Nährmittel für eine höhere 
Ordnung bestimmt ist, in welche derselbe dadurch als zu 
assimilierende Substanz eingeht “ 4 ) Doch was nützt schließlich 
überhaupt alle Theorie ? Alles Heil liegt doch letzten Endes im 
Schoße der katholischen Kirche. „Nur durch die Rückkehr zur 
alten, wahren Einheit, durch die Liebe, ist das uralte Rätsel, die 
Dissonanz zwischen Natur und Mensch, zwischen Bevölkerung 
und Ernährung, zwischen der Verschiedenheit der Gaben und 
des Besitzes zu lösen.“ 5 ) Es findet sich „nur in der christlichen 
Liebe die freie, nicht erzwungene Beschränkung vermittelst der 
hingebenden Verzichtung des geistlich werdenden Menschen auf 
die eheliche Verbindung und der Selbstbeschränkung auf die 
geistige Vaterschaft im Coelibate.“ 

Diese bevölkerungspolitischen Gedanken stimmen durchaus 
zu den Anschauungen der Jarcke und Genossen, die wir kennen 
lernten: Der religiös fundierte Standpunkt des Idealisten wird 

■) Hist.-pol. Bl. Bd. V. S. 759. 

-) a. a O. Bd. X S. 756. 

') a. a. O. Bd. III S. 186. 

4 ) a. a. O. S. 188. Aelinlicli Bd. V S. 756. 

6 ) Bd. III S. 186. 


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herausgekehrt, und es liegt sehr nahe, auch eine Spitze gegen 
Luther und die Reformation aus diesen Worten herauszufühlen. Der 
hatte nachdrücklich auf die mit dem Coelibat verbundenen 
sittlichen Gefahren hingewiesen und jedermann frühzeitige Heirat 
anempfohlen. 1 ) Von den Merkantilisten wurde dann die Förderung 
der „Population“ als eine der ersten volkswirtschaftlichen 
Forderungen aufgestellt. Als Reaktion gegen diese Bestrebungen 
war soeben eine neue bevölkerungspolitische Theorie aufgetaucht, 
die Lehre des Malthus. Auf seinem „moral restraint,“ der sitt¬ 
lichen Enthaltung, baut der Verfasser des citierten Artikels auf, 
er sucht ihn religiös zu begründen und ihm göttliche Weihe zu 
vindizieren, — ein schwärmerischer Idealist ohne Verständnis für 
die Forderungen des Lebens. 3 ) 

Als eine der schlimmsten Folgen der freien Konkurrenz 
gilt in den Blättern das moderne Fabrikwesen, „das auf gar 
vielfältige und tief einschneidende Weise beigetragen hat, . . . 
die zersetzende Kraft unserer Zeit zu steigern.“ „Welchem Zweck 
soll denn die Industrie dienen?“ so fragt Jarcke. 3 ) „Nun, durch 
sie wird die Consumption vermehrt. Und die vermehrte Con- 
sumption? Die hebt ja eben die Industrie 1 Ist auf einen so 
naturwidrigen Greuel das ökonomische System ganzer Länder 
gegründet, so darf sein unmittelbares Gefolge, Uebervölkerung, 
Entsittlichung, unerhörte Verarmung nicht in Erstaunen setzen. 
Diese neuen Feinde sind es, welche Europa mit ärgerer Ver¬ 
wüstung bedrohen als einst die Hunnen.“ Aber die soziale 
Frage ist nun einmal da und sie erheischt eine baldige Lösung. 
Noch ist kein Mittel gefunden, um dem Bande zwischen dem 
Fabrikherrn und seinem Arbeiter, wie ehedem im Zunftwesen, 
einen höheren, sittlicheren Charakter zu geben als den des 
bloßen materiellen, augenblicklichen Erwerbes, und „so erkaufen 
die Untergebenen ihren kärglichen Lohn nicht nur mit dem 
Verlust ihrer leiblichen Kraft und Gesundheit, sondern sie atmen 
auch eine Pestluft der verworfensten Immoralität und der gleich¬ 
gültigsten Irreligiosität ein, die ihnen nur noch eine Empfänglichkeit 


‘) „Predigt zum ehelichen Leben." Luthers Sämtl. Werke herausg. von Waich 
Halle 1744 Bd. X S. 708. passim. 

s ) Form und Inhalt des Artikels lassen auf Jarcke schließen. Wie die meisten 
seiner überspannten Anschauungen so wird übrigens auch diese von besonnen 
urteilenden Katholiken heutigentags nicht mehr geteilt. Man vergleiche: 
Kampfe-Ehrle in Bachems Staatslexikon Bd. 1. Sp. 877 f.: Die Ansicht des 
Jesuiten Lehmkuhl. 

*) Hist.-pol. Bl. Bd XVII S. 814 Diese wirtschaftspolitischen Anschauungen 
waren übrigens ganz im Sinne des Königs Ludwig (vgl. Heigel, Ludwig I. 
S. 170) der überhaupt, wie ein Vergleich mit Heigels Darstellung lehrt, in 
politischer Beziehung manche Berührungspunkte mit den Münchener katholischen 
Politikern aufweist. 


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für die gröbsten tierischen Genüsse läßt.“ 1 ) Die kommunistische 
Revolution wird bald die Folge einer solchen Entwicklung sein. 2 ) 

Im Geiste Hallers kann natürlich von einer sozialen Für¬ 
sorge des Staates nicht die Rede sein; er überließ sie den 
einzelnen Korporationen und Ständen und vor allem der privaten 
Tätigkeit des Fürsten und der Großen. Haller spricht ganz aus 
diesen Worten: „Die Armengesetze können nur die freie Liebe 
ersticken, . . . das persönliche Verhältnis zwischen den Reichen 
und Armen lösen, und da sie Geben und Empfangen zu einer 
Zwangspflicht und zu einem Rechte machen, das Bedürfnis von 
Liebe und das Vertrauen auf sie bei den Armen in grimmigen 
Neid und trotziges Fordern, den Hang zu liebevoller Mitteilung 
bei den Reichen in abwehrende Verstockung und gestachelte 
Eigensucht verwandeln.“ 3 ) Und Jarcke selbst sagt dasselbe mit 
Hinzufügung der bei ihm unvermeidlichen konfessionell-agitatori¬ 
schen Spitze gegen den Protestantismus: 4 ) „Es ist ein nicht 
genug beachteter Zug, daß die gesetzliche Staats- und Zwangs¬ 
wohltätigkeit, welche eben dadurch aufhört, ein freier Akt der 
Liebe zu sein, allenthalben erst im Gefolge des Bruches mit 
der Kirche aufgetreten ist.“ Aber so wenig Jarcke selbst bei 
diesem Standpunkt unbedingt verharrte, so verlangen auch 
andere Stimmen eine soziale Betätigung des Staates. „Wollen 
wir unsern heutigen Regierungen im Ernste zumuten,“ so fragt 
er im Jahre 1847, ö ) „aus unserer Gegenwart und Umgebung aus¬ 
zuwandern und sich der Sorge für das Gemeinwohl gänzlich zu 
entschlagen und dessen Beachtung allein jenem Corporations- 
geiste zu überlassen, von dem bei uns in neuesten Zeiten zwar 
viel gesprochen worden ist, der aber seit der Losreißung unseres 
sozialen Lebens von der Kirche tatsächlich doch von uns ge¬ 
wichen ist, und sich nur noch in England unter dem Schutze 
von Verhältnissen, die sonst nirgends mehr bestehen, und nicht 
im Geiste christlicher Liebe sondern lediglich zur Pflege rein 
materieller Interessen tätig erhalten hat?“ Ein anderer Mitar¬ 
beiter der Blätter geht mehr ins Einzelne, 6 ) er verlangt, daß die 
Fabrikherren durch den Staat gehalten werden, über die Morali¬ 
tät der Arbeiter zu wachen und für ihren religiösen Unterricht 
zu sorgen, der Staat soll ferner eine Organisierung der Arbeiter 
in die Wege leiten, „die, wenn ihr nicht auf gesetzliche Weise 
unter der rechten Leitung Genüge geschieht,“ durch die Arbeiter 
selbst erfolgt, wie in England und Frankreich diese Bewegung 


*) Hist.-pol. Bl. Bd. XII S. 387. 

£ ) a. a. O. Bd. XVII S. 45 (Jarcke). 

s ) a. a. O. Bd. III. S. 187. 

4 ) a. a. O. Bd. VI. S. 648 f. 

5 ) a. a. O. Bd. XIX. S. 144. 

«) a. a. O. Bd. XII. S. 390 ff. 


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bereits einen bedrohlichen Charakter mit internationalen Zielen 
angenommen hat. Es liegt ja in den Anschauungen der Blätter 
durchaus begründet, daß sie von einer Selbsthülfe der Arbeiter 
nichts wissen wollen. Dagegen taucht einmal der Gedanke einer 
vom Staate durchzuführenden, gerechten Gewinnbeteiligung der 
Arbeiter auf. Besonders viel verspricht man sich von der 
Förderung der Sparkassen, wie andererseits an die legitimen 
Regierungen das Verlangen nach Abschaffung aller Lotterie- 
und Hazardspiele gestellt wird 1 ) „dieser infernalen Einnahme¬ 
quelle des Staates.“ 

Von einem sozialen Programm kann hier natürlich noch 
keine Rede sein. Die soziale Betätigung blieb in der Haupt¬ 
sache noch eng mit der Kirche verknüpft. Die Blätter 
treten ein für die in den Werken der Nächstenliebe sich betäti¬ 
genden Orden, und auch die Vinzenz-Konferenzen, die eben da¬ 
mals Ozanam ins Leben rief, wurden von ihnen warm 
gefördert, 2 ) sodaß sie bereits im Jahre 1845 in München Ein¬ 
gang fanden. 

Die religiöse Orientierung der sozialen Frage lag bei einer 
Zeitschrift wie den Histor.-polit. Blättern nahe: Sie hing eng zu¬ 
sammen mit der Pflege und Vertiefung des religiösen Lebens 
und mit der Anknüpfung an die Lebensverhältnisse und Gesell¬ 
schaftsverfassung des Mittelalters in idealisierter Gestalt. Es ist 
auch gewiß ein Verdienst der Blätter, schon so frühzeitig auf 
die sozialen, Probleme aufmerksam gemacht zu haben, die 
späteren Führer der Katholiken, ein Ketteier und Kolping, konnten 
so in München die ersten Anregungen zu ihrer späteren Tätigkeit 
finden. Die Prinzipien dieser feudal-aristokratischen „theologi¬ 
schen Schule der Politik“ 3 ) wurden freilich bald aufgegeben. 
Buß, einer der schärfsten Gegner der Münchener Schule, wies 
sie mit scharfen Worten zurück: 4 ) „ . . . durch das Extreme und 
der Gegenwart Entfremdete haben einige ihre Lehre zu wurzel¬ 
loser Einsamkeit in der gegenwärtigen Gesellschaft verdammt; 
andere haben sich in das Gebiet allgemeiner Betrachtungen, 
scholastischer Konstruktionen eingebannt, andere sich bloß an 
einige Seiten der Sache geklammert, mehrere die Grenzen der 
Berechtigung zwischen Kirche und Staat verzogen, des letzteren 
Recht und Macht verkürzend, die meisten haben in 
elegischer Sehnsucht nach einer organischen 


1) Hist.-pol. Bl. Bd. X S. 394, Bd. XIV. S. 529. 

2 ) Bd. X. S. 549, Bd. XII. S. 398. Vgl. Franz, Der soziale Katholizismus in 
Deutschland. 1914. S. 85. 

8 ) Ein Ausdruck von Buß, womit er die Görrespartei meinte. Vgl. Franz, 
Der soz. Katholizismus S. 61 und 48. 

*) citiert bei Franz S. 61 f. 


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78 — 


Sozialität der Gegenwart eine Rückbildung 
in das Mittelalter zugemutet, statt sich mit ge¬ 
sammelter Kraft an die Gegenwart in ihrer 
Fortbildung zu halten. So blieb, so mußte diese Schule 
im ganzen unpraktisch bleiben, sie erschien der oberflächlichen 
Zeit eine einsame Anomalie.“ 


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i 


* 


•4 

1 


Ich wurde am 19. Juni 1889 zu Obercassel bei Bonn als 
Sohn des Rentners Christian Rhein und seiner Frau Augusta 
geb. Erlenwein geboren. Ich bin katholischer Konfession. Meinen 
ersten Unterricht genoß ich in der Volksschule meines Heimats¬ 
ortes und besuchte dann seit Ostern 1901 das städtische Gym¬ 
nasium zu Bonn. Diese Schule verließ ich Ostern 1907, um 
mich für die Reifeprüfung durch Herrn Prof. Dr. M. Kappes in 
Obercassel vorbereiten zu lassen. Er blieb mir, nachdem ich 
Herbst 1909 die Maturität am Gymnasium zu Saarlouis als Ex¬ 
terner erlangt hatte, auch weiterhin ein stets wohlwollender 
Förderer und Berater bei meinen Arbeiten. Ich schulde ihm 
großen Dank. Meine akademischen Studien in Geschichte, Geo¬ 
graphie, Staatswissenschaft und klassischer Philologie betrieb ich 
bereits drei Semester vor Erwerbung des Reifezeugnisses seit 
Ostern 1908 an der Bonner Universität und setzte sie allda auch 
als maturus noch zwei Semester fort. Herbst 1910 bezog ich 
die Universität München, Ostern 1911 die Ruperto-Carola in 
Heidelberg und führte dann seit Herbst 1911 an der Alma mater 
Bonnensis meine Studien zu Ende. 

Meine akademischen Lehrer waren die Herren: v. Bezold, 
Bergbohm, Brinkmann, Elter, Graebner, Herrmann, Herbertz, 
Horten, Külpef, Kumpmann, Litt, Marx, Schumacher, Schlüter, Schulte, 
Solmsenf, Philippson, Wentscher, Wiedemann, Wilcken in Bonn, 
Crusius, Drerup, Grauert, Hellmann f, Pöhlmann f in München, 
Boll, Brandt, v. Domaszewski, Fehling, Hampe, v. Jagemann in 
Heidelberg. 

Ihnen allen sage ich meinen wärmsten Dank, vor allem 
Herrn Prof. Dr. Alfred Herrmann (Posen), der in mir das Interesse 
für die vorliegende Arbeit weckte und mir stets fördernd zur 
Seite stand, insbesondere auch Herrn Geheimrat Prof. Dr. Friedrich 
von Bezold, der sie als Doktor-Dissertation anzunchmen die 
Güte hatte. 


Examen rigorosum: 9. VI. 1915. 


Franz Rhein 

z. Zt. Dolmetscher am Kriegsgefangenenlager Merseburg 

(beurlaubt). 



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PmODICAL DES* 



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